Tod der Schrift

An einem Tag, wie jeden Tag, wollten die Schreiber nicht mehr schreiben, wie es ihr Auftrag war. Zunächst fiel es den Fernsehzuschauern bei den Nachrichten auf. Sie mussten auf die Schreckensmeldungen verzichten, und sie brauchten eine Weile, um es zu bemerken, denn sie hatten, obwohl sonst täglich gehört, ihre Gefühle verloren. Als aber einigen klar wurde, dass nichts mehr geschah, wurde es allen klar. Ihre Schaulust wurde von heute auf morgen nicht mehr befriedigt.
Dann bemerkten es die Scroller und Wiper. Keiner konnte sich auf Anhieb erklären, warum die Welt plötzlich heil sein sollte. Die Schrecken der Menschheit blieben aus, das Leid drang nicht mehr, wie zuvor, auf solch obszöne Weise in die Seelen.
Da wurden die Menschen traurig, denn sie begannen den Schmerz zu vermissen, der ihnen zum Alltag geworden war. Sie mussten nicht mehr die Tränen unterdrücken, die ganz tief in ihre Herzen gehämmert wurden. Doch niemand fühlte sich frei. Es schien sogar, als würden sie erst jetzt, da sie nichts mehr vom Leid der Welt erfuhren, merken, wie sehr es ihnen zur Gewohnheit geworden war.
Natürlich merkten alle anderen Schreiber sehr schnell, dass es opportun wurde, sich der Wahrheit zu widersetzen. So kamen nach kurzer Zeit die Buchhalter dazu und bescherten den Menschen gut gemeinte Rechnungen. Das trug dazu bei, dass alle mehr Geld ausgeben konnten. Und als sie es konnten, merkten sie, wie wenig sie das bisher vermisst hatten.
Dann kamen die Priester und Sektenführer. Sie verkündeten plötzlich nicht mehr die Wahrheit, das Heil Gottes, sondern sie sagten ihren Gemeinden, die schönen Dinge und die Menschen bemerkten, wie wenig sie bisher den Worten geglaubt hatten.
Als auch die Schriftsteller dazu übergingen, die Erwartungen zu enttäuschen, wurde die Sache kritisch. Alles was irgendwo geschrieben stand, konnte nicht mehr Zeugnis sein für die Welt der Gefühle, konnte nicht mehr das Medium der Fantasie anderer sein und konnte nicht mehr als Lebenshilfe angenommen werden.
Da begannen die Menschen über andere Dinge zu sprechen, als über das Wetter. Sie erzählten sich selbst, was sie geträumt hatten. Und sie sahen ein, dass jeder gelesene Text ihnen bisher die Kraft der eigenen Gedanken geraubt hatte.
Dann erzählten sie sich ungeträumte Träume und legten ihre wahren Wünsche dar und schmückten sie mit ihrer Fantasie. Erst da bemerkten sie, dass in jedem von ihnen eine Kraft geschlummert hatte, die sie unfehlbar machte.
Als die Menschen dann lernten in ihre Wirklichkeit zu schauen, die bisher die Redakteure und Blogger, die Gurus und Priester, die Moderatoren und Influencer für sie betrachtet hatten, wussten sie, dass sie bisher nichts von der Bedeutung des Menschseins verstanden hatten. Und als sie es verstanden hatten, sehnte sich keiner mehr nach einer besseren Welt, um die eigenen Ideale durchzusetzen, sondern alle lebten und sahen, wo sie lebten. Und alle lachten und weinten und wussten, warum sie lachten und weinten.
Dann, ganz plötzlich schwand die Angst vor dem Ende, denn das Ende wurde nicht mehr verleugnet oder verherrlicht, sondern stand allen klar vor Augen.
So lebten dann viele und wussten warum und wo sie her kamen.
So liebten dann viele und wussten wofür.
So starben dann viele und hatten zuvor gelebt.