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Brennende Hydranten

Vor zwei, drei Tagen folgte nicht wie üblich der Tag auf die Nacht, sondern die Nacht auf den Tag. Nicht nur ich, auch andere waren deswegen ein wenig gereizt. Es ist einfach so, dass der menschliche Biorhythmus in solchen Situationen etwas angepiekst reagiert. Wie eine Zunge, die Salz erwartet, aber Zucker bekommt. 

Körperlich war ich eigentlich recht fit, aber mental war ich durch diese Angelegenheit etwas heiß gelaufen. Mein Kopf produzierte in der Dunkelheit hinter den Wäldern Idee auf Idee. Viel zu schnell purzelten die Gedanken aus meinem Verstand, als dass ich jetzt noch hätte aufräumen können, bevor mein Begleiter ankommen würde.

Es war nämlich so, dass wir just an diesem Tag unser Start-up beenden wollten. Doch wer tut das schon mitten in der Nacht? Es würde ja niemand mitbekommen und dann könnten wir das alles vergessen. Deswegen hatte ich mich mit Hennes, so hieß mein Begleiter, hier hinterm Wald verabredet. Es sollte ein ganz normales nachmittägliches Brainstorming werden, um zu klären, wie wir vorgehen wollten.

Doch nun war es Mitternacht und ich ahnte schon, dass Hennes gleich stolpern würde, wenn er hier durch die Dunkelheit stapfen müsste. Und nun lagen nicht nur diese Wurzeln herum, die von den Baumstämmen in jahrelanger Arbeit bis hinter den Wald geschoben worden waren, um auch hier, in ihrer unsäglichen Gier nach Raum, noch das ein oder andere weitere Myzel anzuzapfen.

Aber ich schweife ab. Zäh und langsam oder umgekehrt. Also nicht nur Wurzeln lagen hier herum, nein, nun war zu allem Überfluss auch noch alles voll mit Ideen.

Es tat mir so leid.

Wer hatte eigentlich diesen absurden Wechsel im Tag-und-Nacht-Rhythmus veranlasst?
Wahrscheinlich wieder irgend so ein Tech-Bro mit Star-Allüren, dachte ich. Diese Typen glauben ja, sie könnten sich alles rausnehmen. Dabei kann doch jeder ganz klar sehen, dass wir so im Nebel stehen.

Von vor dem Wald hörte ich ein leises Fluchen: „Scheiß Dunkelheit!“

Mein Begleiter kam wohl näher. Schnell räumte ich die unnötigsten Ideen beiseite um ihm ein wenig Platz zu schaffen.

„Scheiß Dunkelheit!“ hallte es nun schon von weit näher. Und wenig später hallte es schon sehr nah weiter: „Oh du scheiß, scheiß Dunkelheit!“ Das war Hennes, so kannte ich ihn.

„Da bist du ja!“, sagte ich so gelangweilt wie möglich, als mein Begleiter zwischen meinen Ideen ins Straucheln geriet und, ich hatte es geahnt, auf einer recht flachen Idee ausglitt. „Scheiß Dunkelheit!“ Schrie der ausgeglittene Begleiter und diesmal war es noch etwas lauter. „Ausgleiter, Begleiter!“ schmunzelte ich. Aber Hennes war gereizt.

„Ich denke das war eine schlechte Idee!“ sagte ich. „Das kannst du wohl laut sagen!“, sagte er, obwohl er doch laut gewesen war. „Mir scheint, wir haben das Pferd von hinten aufgezäumt!“

„Ja, das denke ich auch!“, sagte ich. „Vielleicht sollten wir an diesem Punkt einen Sack über die Katze stülpen und es einmal genau anders herum versuchen!“ Es machte schwupp und wieder war eine Idee aus meinem Kopf gepurzelt.

„Das ist die beste Idee, die du je hattest!“, sagte mein Begleiter, als er endlich wieder aufgestanden war.

Also gründeten wir ein End-up mit dem Ziel alles wieder rückgängig zu machen.

Kaum hatten wir es gegründet, kühlten sich meine Gedanken merklich ab. Ich fand das angenehm, und auch Hennes sah plötzlich viel entspannter aus. Wir hatten gar keinen Drang mehr, überhaupt auch nur irgendetwas zu unternehmen. Wir mussten nichts mehr tun. Ein Zustand der Zufriedenheit. Kein Start-up, kein Stress!

Einen Augenblick lang wurde es etwas bizarr: Denn dieser Zustand der Zufriedenheit übertrug sich auf den Waldboden. Alles wurde kühler. Die Luft lichtete sich und, keine Ahnung, wie genau das funktionierte, der Wald seufzte erleichtert auf. Und draußen in der Welt gaben alle Unternehmer auf.

Als der Nacht so langsam dämmerte, dass sie nun vorbei sei, gingen mein Begleiter und ich zurück vor den Wald. Dort lag wie eh und je die Stadt aus der wir kamen. Auch sie hatte sich schon verändert. Wer einmal eine Wurzelbewegung initiiert hat, weiß, wie schnell es gehen kann!

Nirgends in der Stadt rollte ein Fahrzeug. Niemand ging zur Arbeit. Niemand brachte Kinder weg. Keiner tat etwas. Die ganze Stadt seufzte erleichtert auf.

Dann öffnete sich hinten in der Karl-Marx-Allee eine alte Holztür und ein verlorener Kommunist schlurfte zum Zeitungskiosk an der Ecke. Er klappte von Außen die Läden hoch öffnete die Tür und legte Tageszeitungen in die Auslagen.

An diesem Morgen hatten wir Lust die ersten Kunden zu sein.

„Ah, die Hinterwäldler“, rief der verlorene Kommunist schon von weitem zu uns herüber. „Kommen Sie ruhig näher!“, rief er als wir ganz ruhig näher gekommen waren. Uns hetzte ja nichts. „Die Frankfurter Allgemeine für drei Euro fünfundsiebzig oder die Frankfurter Allgemeine für lau?“, fragte er verschmitzt, als wir uns über die Auslage beugten.

„Das ist egal!“, rief mein Begleiter ganz verzückt. „Das ist doch alles ganz egal!“

„Ja, endlich!“, sagte der verlorene Kommunist verschmitzt und grinste.

„Na, dann nehmen wir die Ausgabe für drei Euro fünfundsiebzig!“, sagte ich und lud meinen Begleiter und ihn zum Zeitungsstudium auf die Parkbank ein.

Die Parkbank seuftzte erleichtert auf, als wir uns auf ihr niederließen. Wir schlugen die Zeitung auf und fanden keine Nachricht. Alles war leer. Gelassen blätterten wir weiter.

Auf Seite 5 stand die einzige Notiz dieser Ausgabe.

Vor zwei, drei Tagen, so stand dort zu lesen, habe ein seltsamer Zustand begonnen. Und bis heute könne niemand sagen, wann er enden würde.

So saßen wir da und blätterten genüßlich in der leeren Zeitung, der verlorene Kommunist, mein Begleiter und ich.

Doch in Wahrheit würde ich nie mit irgendwem hierher gekommen sein. In Wahrheit wäre wahrscheinlich etwas Ungeheuerliches passiert. Vielleicht hätten die Spitzen der Kiefern hinten im Wald Eiszapfen getragen und sehr wahrscheinlich hätten die Hydranten vor der Bibliothek Feuer gefangen, ob der immensen Hitze, die in der Stadt herrschte. Und ich hätte alleine auf der Bank im Park gesessen und mich gefragt, wie lange es diesmal dauern würde bis die Feuerwehr anrücken und den Spuk beenden würde.

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