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Im blauen Saal

Was ich jetzt aufschreibe hat mit Wahrheit nicht sehr viel zu tun. Ich will es offen sagen: Man könnte es für einen Traum halten, obwohl die Geschichte ganz realistisch beginnt.

Ich bin am letzten Wochenende nach längerer Zeit mal wieder nach Hause gefahren, ohne zu wissen warum. Ich habe gesehen, was ich erwartet habe: die Ortschaft war unverändert. 

Man konnte auch bei genauester Betrachtung nicht ein Detail ausmachen, dass auf irgendwelche Veränderungen hingewiesen hätte. Ich meine dabei nicht nur die bauliche Struktur des Dorfes, sondern auch das Verhalten seiner Bewohner. Die waren nämlich, wie stets, nicht anzutreffen.

Ich gelangte an das Haus meiner Eltern und erwartete, dass sie mir, zumindest aber mein Bruder, entgegeneilten. Aber nichts dergleichen geschah. Ich fand mich damit ab, dass man mich nicht bemerkt hatte, schloss die Haustür auf und trat ein. Ich fand mich im Flur, der wegen seiner Steinplatten immer recht kühl auf eindringende Gäste wirkte und auch schon manche abgeschreckt hatte, weiter in die Wohnung vorzustoßen. Niemand erwartet nämlich, dass sich schon hinter der nächsten Tür eine behagliche Geborgenheit darbietet, wie man sie nur in wenigen Häusern findet.

Nicht heute, sämtliche Türen standen offen und es schien, als schöbe sich die Kälte des Flures in die übrigen Wohnräume. Ich ging fröstelnd durch das gesamte Haus, immer auf Lebenszeichen hoffend, aber es war überall kalt und totenstill.

Ich ging entgegen meiner Erwartung die Treppe zum Keller hinunter, der sonst auch einiges an Wohnatmosphäre bietet. Es ist kein kühler, feuchter Unterbau, in dem kleine Kinder Angst vor schwarzen Männern haben. Im Gegenteil: er lädt sogar zum entspannen ein. Das liegt vor allem an zwei Kellerzimmern. Dem kleinen Kaminzimmer mit dem bequemsten Sessel des Hauses. Für Leute, die sich gerne im blauen Zigarettendunst anregen lassen, der ideale Ort. Ich habe oft dort gesessen, wenn mir die Schule oder meine Eltern auf die Nerven gegangen waren.

Der andere Raum ist eine Rumpelkammer und lässt deswegen eigentlich viele Leute unberührt. Sei es wegen der Spinnen oder dem fahlen Licht der Kellerluke, das alles in graubraunen Farbschattierungen erscheinen lässt. Ist man aber erst mal eingetreten und hat seine Abneigung überwunden, wird man geradezu von den Dingen des Raumes angezogen. Mir hatte es immer riesigen Spaß gemacht, dort zu stöbern, wo lange schon niemand anderes mehr war. Das trifft zwar auf unsere Rumpelkammer nicht zu, weil alle Nase lang jemand etwas hineinstellt oder herausholt, sodass der Ort in ständiger Verwandlung ist, dennoch lässt er die Illusion entstehen, der menschenverlassenste Ort der Welt zu sein. Manchmal denke ich, er ist das letzte Refugium in einer viel zu geordneten Welt.

 

Nun trat ich also in diesen Raum und das erste was ich sah war Blau. Helles strahlendes Blau aus allen Winkeln. Der Raum, so bemerkte ich weiter, war viel größer geworden. Er ähnelte einem großen Saal, es waren Stühle und Tische gruppenweise aufgestellt. In der Mitte war eine Säule errichtet worden, um die sich eine Theke zog. Alles war präzise, ich war geschockt. Ich war starr vor Kälte.

Dann bemerkte man mich. „Hallo mein Sohn!“ rief mir jemand entgegen, ich erkannte ihn zunächst nicht. Die Stimme kam aus der rechten äußeren Ecke des Raumes, wo sich mehrere Personen befanden.

Zuerst erblickte ich einen meiner Onkel und dessen Frau. Sie kamen auch auf mich zu und begrüßten mich herzlich. Ich hatte schon immer eine Abneigung gegen dieses Paar. Er war stets derjenige in der Familie, der alles genau erklären konnte und sah sich deswegen als letzte Instanz bei Familienstreitigkeiten an. Sie war nicht unbedingt das, was man schön nennen könnte. Sie verfügt über eine oberflächliche Freundlichkeit allen Menschen und Pflanzen gegenüber und ist ebenso wie ihr Mann sehr von sich angetan.

In dieser Situation jagten mir beide Erscheinungen kalte Schauer über den Rücken. Wenn es so etwas wie eine Aura gibt könnte ich jetzt von Eisbergen sprechen.

Ich fühlte mich schlicht unwohl. Ich wurde gebeten näher zu treten und als ich das getan hatte, erkannte ich die anderen. Meine Großmutter, die angetan von diesem blauen Zimmer war und es nicht lassen konnte umherzugehen und alles zu begutachten; mein Bruder, der sich sehr merkwürdig verhielt, stumm, traurig, als würde ihn irgendetwas bedrücken, aber andererseits auch wieder stolz, bei einem so wichtigen Ereignis dabei zu sein; meine Schwester war da und stimmte mit einem bedächtigen Nicken allem, was mein Onkel sagte, zu; meine Mutter war wohl auch da, man hat sie aber nicht weiter berücksichtigt.

Neben meinem Onkel gab es ein still anerkanntes Familienoberhaupt, das aus meinem Großvater und meinem Vater bestand. Die Anteile des älteren überwogen jedoch. Er war auch anwesend.

Ich verstand nur nach und nach, worum es bei dieser seltsamen Zeremonie ging. Man hatte eine Art Einweihung im Kreis der Familie abgehalten und mich dabei unwissentlich eingeplant. Ich konnte mir sonst überhaupt nicht erklären, warum ich überhaupt nach Hause gefahren war. Mein Onkel erklärte mir, dass man in jedem Ort einen niveauvollen Tanzplatz brauche und der hatte sich am besten in unserer Rumpelkammer einrichten lassen. Die Ausbauarbeiten seien gerade vollzogen und man könnte morgen zur Eröffnungsveranstaltung einladen.

Wir gingen nun gemeinsam an das südliche Ende des Raumes und gelangten auf eine Veranda. Der Übergang vom Saal zur Veranda war fließend, es gab keine südliche Außenwand. Daher wohl die erschreckende Kälte. Es war ein architektonisches Meisterwerk, immerhin befanden wir uns im Keller. Man hatte scheinbar das gesamte Erdreich abgetragen. Der Effekt war natürlich verblüffend, was meine Großmutter auch mit leisen Ausrufen des Erstaunens zum Ausdruck brachte. Man fühlte sich auf der Veranda sehr frei. Ab und zu hatte ich sogar das Gefühl, der ganze Boden würde in Erwartung des bevorstehenden Tanzes leicht zu schwanken beginnen.

Ich fühlte, dass ich rational der Sache nicht beikommen konnte. Wieso hatte mein Vater es zugelassen, aus unserem Keller einen Vergnügungssaal für die Öffentlichkeit einrichten zu lassen, und dann auch noch auf das Drängen meines Onkels. Es schien mir sonderbar und ich fand, dass etwas faul sein müsse, an der ganze Geschichte. Dazu trug auch das merkwürdige Verhalten einiger Familienmitglieder bei.

Als ich so in Gedanken versunken war, begann die Sache zu kippen. Ich hatte schon befürchtet, dass es gar nicht unser Haus sei, in das ich eingetreten war, dass es sich eher um etwas anderes handeln müsse, ich meine etwas wirklich anderes.

In diesem Moment verschwamm das strahlende Blau und verwandelte sich in ein unscheinbares Braun. Die Tanzlokalatmosphäre inklusive der Möblierung zerfiel zu Staub. Die Veranda, die sich inzwischen wirklich hin und her bewegte, ließ uns alle schwanken. Großmutter kam als erste auf die Idee sich über das Geländer zu beugen und nach unten zu schauen. „Es scheint wir fliegen. Wirklich sehr schön das alles, sehr schön gemacht!“, sagte sie erfreut. Sie grinste nun die ganze Zeit über, so dass es mir fast unerträglich wurde.

Meine Tante hatte sich mit dem Mobiliar aufgelöst. Irgendjemand hatte befunden, dass sie für den Fortgang der Geschichte nicht mehr erforderlich sei. Seltsam, dass ausgerechnet sie zuerst verschwand. Ihre Rolle ging auf meine Schwester über.

Großvater hatte sich während dieser langen Anfangsphase nicht rasiert und inzwischen einen weißen Bart bekommen, lang und zottelig. Seine müden Augen hielten ständig nach mir Ausschau, als würden sie Hilfe von mir erwarten.

Mein Bruder entdeckte seinen Abenteuergeist und hangelte sich am Rand der Veranda entlang, was angesichts der Situation sehr gefährlich schien. Schließlich war meilenweit unter uns nichts als Luft und Wolken.

Meine Großmutter wandelte ebenfalls am Deck hin und her, aber lange nicht so abenteuerfroh wie mein Bruder. Dennoch war sie aufs höchste interessiert an den weiteren Vorgängen. Meine Mutter war irgendwie anwesend, man spürte das.

Ich spürte auch die wachsende Bedrohung von irgendwoher. Ich konnte nicht genau sagen von wo genau. Ich wusste nur, dass mich die Angst packte, Angst, die nach einem Grund sucht. Der lag in meiner jetzigen Situation wohl auf der Hand. Ich hatte Angst vor dem Absturz. Ich sagte also zum Bärtigen: „Wir könnten abstürzen!“ Er nickte: „Wir könnten überleben!“ Ein seltsames Nicken. Nicht bestätigend sondern auffordernd. Ich sollte retten? Irgendwen vor irgendetwas oder irgendetwas vor irgendwem?

Im Moment schien es mir wichtig, dieses seltsame fliegende Gebilde zu retten und damit uns alle vor dem Tod. Ich machte mich an die Arbeit und mein Bruder half mir so gut er konnte. Es gelang uns durch ein paar Handgriffe den Flug zu stabilisieren. Dafür erhielten wir große Anerkennung der Anwesenden. Es machte mich froh, dass ich die Erwartungen erfüllt hatte, die hier auf mich gerichtet wurden. Zumindest glaubte ich das. Dann tauchte aus der Kajüte in der Mitte des Fluggeräts, wo sich vorher die Säule befunden hatte, mein Onkel auf. Wir hatten ihn lange nicht gesehen. Eigentlich seit dem Abflug nicht mehr. Voller Missfallen sagte er „Das war unsere letzte Rettung!“ Er hatte sich schwarz angezogen. Meiner Schwester imponierte sein hypnotischer Blick. Sie beschloss deshalb in die Person meines Onkels aufzulösen und von dort aus weiter mitzuspielen. Er verschwand wieder in der Kajüte.

Wir waren erleichtert als er weg war. Mein Bruder überbrachte mir die Nachricht, dass wir inzwischen auf einem See gelandet waren. Ungefähr zu dieser Zeit verschwand noch mit Begeisterungsrufen über die glückliche Landung auf der Zunge meine Großmutter.

Als mein Onkel erneut herauskam, kam Sturm auf. Meine Mutter, deren Anwesenheit man immer deutlicher spüren konnte, wurde seekrank und verwandelte sich. Mein Bruder und ich versuchten das Schiff zu kontrollieren. Der Bärtige machte uns dazu den Mut, den der Schwarze von uns forderte. Mein Bruder ging mit einer hohen Welle über Bord.

Erst jetzt wurde mir klar, was hier gespielt wurde. Das Mächtespiel zwischen dem Bärtigen und dem Schwarzen wurde von Szenen zu Szene abstruser. Ich beendete deshalb den Traum indem ich das Schiff stranden ließ. Als ich aufgewacht war und aus dem Sessel aufstand, der sich plötzlich in der Rumpelkammer befand, konnte ich hinten an der Südwand noch kurz den freundlichen Blick des Bärtigen erhaschen, bevor auch er verschwand.

Endlich war ich alleine.

Sanft schaukelte der Boden unter meinen Füßen.

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