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Die Nase

Ich erinnere mich an die Nase. Es war eine alte Nase. Einige Falten umkränzten sie. Doch reckte sie sich, wohl wie eh und je, mutig in das Leben. Nicht auffällig, aber bestimmt.

Auffällig war, dass sich ein breiter, klebriger, schokoladenfarbener Fleck über ihre linke Seite zog. Ich war etwas angewidert. Ich habe eine tiefe Abneigung gegen Flecken.

Ich wunderte mich, woher dieser hier wohl kam und wem die Nase wohl einstmals gehört haben mochte.

Dann erinnere ich mich daran, wie plötzlich der Mund unter der Nase erschien und zu reden begann. Die Worte waren nicht weiter wichtig, meist auch etwas verworren, aber sie gaukelten mir eine gewisse Nähe, eine Vertrautheit, vor. Ähnlich wie beim unverhofften Wiederekennen eines alten Kindheitsfotos. So ein Voneinander-Wissen. Und dann war er wieder weg, der Mund. Ärgerlich!

Ich war heute zum ersten Mal in dieser Art Museum. Nun, so hätten wir das früher wohl genannt. Die Worte heute ändern sich leider viel zu schnell und man weiß nicht recht, ob man nun Show, Performance, Virtual Memory, oder wie auch immer dazu sagen mag.

„Die Nasen deines Lebens“, „Ancient Noses“, „l’art du nez“

Man hatte meine Daten ausgelesen. Direkt am Eingang. Das kennt man ja inzwischen. Passiert überall. Erstaunlich ist, aber, dass jeder hier personalisierte Nasen sieht. Meine Schokofleck-Nase sehe nur ich. Fantastisch. Und eklig. Immer noch. Wem hat sie gehört? Ich habe tatsächlich keine Erinnerung mehr daran. Doch da sie mir präsentiert wird, muss ich ihr ja schon einmal begegnet sein. Ganz klar übrigens eine Männernase. Das sieht ja jeder auf den ersten Blick. Sofort kann man das erkennen. Ja, und die Falten, diese niedliche gekräuselte Kranz drumherum könnte auf eine heitere Person schließen lassen.

Ich kenne keine alten Männer, die gern lachen. Vielleicht doch aus der Gegenwart? Vielleicht nur eine flüchtige Begegnung, die nur in meinem Kurzzeitgedächtnis war. Die können ja heute auch das auslesen.

Wenn nur dieser eklige Fleck nicht wäre.

Also gut. Ich sollte mich vielleicht doch auf den sprechenden Mund konzentrieren. Oder einfach weitergehen. Ich kann mir ja auch andere Nasen anschauen. Mich zwingt ja nichts.

Helgas Nase würde ich gerne noch mal sehen. Die habe sie doch bestimmt auch hier irgendwo. Vielleicht in der zweiten Etage? Aber dort wäre auch die von Klaus dann ganz in der Nähe, vorausgesetzt, sie haben ihr annähernd meine Assoziationen berücksichtigt.

Helgas Nase war einfach die schönste. Eine knubbelige Knopfnase, so aufgeweckt und niedlich, so herrlich. Ich hätte sie mir stundenlang anschauen können. So wie früher. Jeden Morgen, beim Aufwachen, jeden Abend, wenn sie schon schlief. Helgas Nase war wirklich etwas besonderes.

Aber dann kommt mir gleich der dicke Zinken von Klaus ins Bewusstsein. Also lieber nicht.

Der Schokofleck. Was soll ein Fleck auf der Nase eines alten Mannes? Alte Männer stecken ihre Nasen nicht in Schokopudding oder Kakaotassen. Alte Männer wissen sich zu benehmen. Die sind nicht so kindisch wie diese hier. Was also hatte der Mund gestammelt. Der Mund der Schokonase? Der Schokonasenmund. Nur wirres Zeug.

Also gut. Ich würde es nicht herausfinden. Und schob die Abdeckung beiseite. „Du in 30 Jahren“ stand auf dem Display.

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