Wilder Wein

Auf einem Hügel saß ich umgeben von wildem Wein und genoss die überwarme Spätsommerluft.
Das Weinlaub knisterte zum Hauch des Windes. Ich schloss die Augen und es dämmerte.
Als ich aufsah, zog hoch über den Wolken ein verdorrter Baum eine gerade Bahn durch den Himmel. Ich schrak auf.
Nebenan hatte bis gerade eben eine Gruppe junger Menschen gesessen, die auch bisweilen zu mir herüber gesehen hatten, als sich dieses Stoßgebet von meiner Zunge löste. „Heilige Ischtar! Habt ihr das auch gesehen? Dieses Knistern in der Luft?“ Doch sie nahmen keine Notiz von mir. Es war sogar so, dass sie sich auch für den Rest dieser Geschichte nicht mehr interessierten und einfach verschwanden.
Ganz sacht nahm da ein feuriger Schauer seinen Anfang. Heiße Asche brannte sich auf meinen Unterarm. Ich stürzte ins Haus um dem drohenden Inferno zu entgehen. Ich schloss alle Fenster und Türen, hastete die Treppen zum Obergeschoss und hinein in das Zimmer meiner Tochter. „Schließ die Fenster!“, rief ich. Meine Tochter aber stand am weitaufgerissenen Fenster und sagte zu mir: „Komm her! Es geht los!“ Da beruhigte ich mich ein wenig, stellte mich neben sie, legte meinen Arm um ihre Schulter. Und da beobachtetetn wir nun, was geschehen sollte.
Weiter hinten im Bergland fiel ein Sturm aus Feuer auf eine Erhebung herab und brach Bäume und Sträucher aus dem Boden, hob sie in die Lüfte und wehte Asche, Funken und Geäst über den Horizont.
„Jetzt ist es gleich vorbei!“, sagte meine Tochter.
„Ja, so fängt es an!“, sagte ich.
Noch nie hatte ich mich wegen des Endes irgendwelchen Hoffnungen hingegeben. Es würde kommen und es würde ganz selbstverständlich sein. Nur wenige Zeilen bleiben einem Text, nur wenige Atemzüge einem Leben um sich zu entfalten. Auch, dass das Ende überraschend käme, war mir klar. Eigentlich von Anfang an. Und selbst wenn man bemerkt, wie die Kräfte schwinden, wer fügte sich dann nicht bereitwillig in die Vorstellung der eigenen Auflösung.
Ich bin gemacht. Ein Werk. Ein Leben von Leben. Wir alle. Und wir leben für neues Leben. Bis es nicht mehr geht.
Ich zum Beispiel lief durch die Steppe. Ich jagte Tiere, aber ich behütete sie auch. Ich genoß ihre Nähe und auch ihr Fleisch. Immer in großer Dankbarkeit. Ich stand auf einer Erde, die noch recht jung war. So viele Schichten weniger als jetzt, die sich unter mir zusammendrückten, durchwoben und durchzogen von Leben und zum Leben gemacht ohne Notiz von mir zu nehmen.
Ihren Geruch trage ich noch jetzt in mir. Und ich denke an sie, immer. Sie hat mich hervorgebracht und ich bin der, der ich bin. Wie schön wäre es, nähme sie mich auch zurück. Viel lieber sie, als eine anderere fremdere Zeit.
Als die Sache mit Schamchat begann, und ich mich nicht mehr wehren konnte, als sie draußen in der Steppe vor mir erschien und mich zu sich lockte, mich in sich zog, wusste ich dennoch, auch im glücklichsten Moment meines Lebens, dass beides vergehen würde – das Glück und das Leben.
Und wir wussten es beide. Vielleicht war das unser großes Glück, dass wir im Neubeginnenden wussten, dass sich dies nicht rückgängig machen ließe, dass wir nun beisammen waren und das alte Leben, meines, aber auch ihres, zwischen unseren Fingern wie Sand zeronnen war.
Wie Sand, doch wurde es nicht zu Sand. Es wurde eine weitere kostbare Schicht auf der unser Leben stattfinden, und unser Glück wachsen konnte.
Alles sinkt nach unten, wenn man es nicht hält. Doch dort unten ist es ja nicht verloren. Es wird noch im Verlust unser größter Freund. Das Erlebte bleibt uns. Was einmal geschrieben ist, bleibt bis zum Schluss am Beginn der Geschichte stehen. Wir steigen empor auf den Schichten unseres Lebens und klettern eine weitere Stufe nach oben.
Und so wurde es eine lange Begegnung. Schamchat und ich blieben beisammen. Die Steppe verließ uns und auch das rote Hügelland. Unter uns wuchs üppiges Leben hervor.
Die wenigsten wissen, dass wir uns diese ganze lange Geschichte hindurch immer wieder trafen. Wir feierten das Leben, liebten uns und gaben uns so nicht nur unseren Körpern hin, sondern auch unserm Schicksal. Als wären wir zwei Augenpaare, die Seite um Seite in der Geschichte des Lebens weiterblättern noch bevor unsere Finger das tun würden, und die sich mit jeder neuen Seite an alles gewesene und gelesene erinnerten, auch wenn niemand zurückblätterte. Und bei allem Entzücken über die atemberaubenden Geschichten, die wir in unsere Sinne aufnahmen, bemerken wir mit innerem Erschauern, wie der Rest, die vor uns liegenden Geschichten, immer weniger wurden und noch immer schmaler werden, bis irgendwann die letzten Lettern verbraucht und aufgelesen sein würden. Das Ende würde kommen. Das wussten wir und das wusste auch schon bald unsere Tochter.
Und auch, wenn sie nicht auf meiner Erde aufwuchs, auch wenn ihre kleinen Füße nicht den selben Boden durchwanderten, wie die stolzen Füße Schamchats, wie die ihrer Großmutter oder die Erde all der Generationen vor uns, auch dann, wenn sie nichts von all dem, das vor unserer Zeit geschah, wissen konnte, spürte sie es dennoch. Wir sind dieselben Wesen auf der selben Erde. Und bis vor wenigen Jahren wuchsen die Schichten unter unseren Füßen an. Die aufgeschichteten Erzählungen, in denen wir mit jedem Schritt und jedem Sprung lasen und die uns trugen als seien wir leichte ätherische Wesen, als trüge man uns wie einen Hauch im Strom der Zeit, ein kleines Blatt im Wald des Lebens, das zur Erde sinkt und sich auflöst und unser Kind nährt.
Nun ist das Ende da. Die Schichten wurden abgetragen. Während die Asche sanft auf meine Arme rieselt wünschte ich, ich könnte noch einmal mit meinen Tieren durch die Steppe ziehen.