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In der Schwebe

Wie schön wäre ein ausgewogener Text. Hätte ich die Überlängen nur rechtzeitig gekürzt. Doch schon sind wir mitten drin, in den Erinnerungen und Träumen. Und wer mit dem ersten Glied der Assoziationskette beginnt, hat auch schnell das nächste parat. Er findet nur schwer wieder heraus. Denn nur wenige Menschen kennen sich gut aus in diesem Text. Die meisten Leser sind doch Eindringlinge aus der Außenwelt, die mit fremden Gedanken hantieren, als wollten sie sie sich zu eigen machen. 

Was bleibt dann von mir?

Mein Lieblingsgerät auf dem Spielplatz unten in der Stadt war die Wippe. Schön war es, wenn mehrere Kinder dort mit mir spielten. Nicht, um das auf und ab ging es mir. Es ging mir um den Ausgleich. Noch schöner war es jedoch allein über das schwankende Holz zu balancieren um in der Mitte genau den Punkt zu finden, an dem ich das ganze schwere Holz in der Schwebe halten konnte. Zentimeter für Zentimeter krochen meine Füße dann auseinander, ein wenig nach links und fast gleichzeitig ein wenig nach rechts, und immer so weiter bis ich mit leicht gespreizten Beinen und federnden Knien in der sandtrunkenen Luft über dem Spielplatz schwebte. Dann wurde alles, was ich dachte ganz leicht und all mein kleines Kinderleben schwebte.

Schon seit ich als Kind Bekanntschaft mir dieser Spielplatzwippe gemacht hatte, fragte ich mich, ob ich diese geliebte Balance auf die Spitze treiben könnte, wie sehr ich die gegensätzliche Position meiner Beine ins Extreme ausreizen könnte, denn ich wäre so gerne für immer in der Schwebe geblieben.

Einmal saß ich auch auf dem Sitz am linken Ende der Wippe und dachte nach. Als Ronja mir entgegenkam, wich ich scheu zurück. Es kam mir wie eine ausgleichende Bewegung vor, doch die Wippe scherte sich nicht darum. Ronja stürzte in den Sand. Als Klaus dann laut wurde, wahrscheinlich um Tacheles mit mir zu reden, wurde ich leise und bremste ihn aus. Der Wippe war das völlig gleichgültig. Und als Ronja sich dann mit gesenktem Blick und mit gespielter Scheu vor mir zurückzog, erntete sie mein Entgegenkommen. Die Wippe stand still.

Und da wusste ich den Unterschied. Balance im Spiel und Ausgleich im Umgang mit den anderen war nicht dasselbe, ja sogar gegensätzlich. Hier musste ich auf gleiche Abstände setzen, dort auf möglichst große Kontraste. Und so hatte ich meine Superkraft gefunden. Ich war der Ausgleich-Man. Der Nivellierer. Manchmal verlacht, oft bewundert und ab und an sogar belohnt.

Die ganze Kindheit hindurch war um mich her diese wunderbare Harmonie. Ich antwortete auf jede kleine Dissonanz mit einem Wohlklang und all zu schönen Gedanken mischte ich einen würzigen Zwielaut unter. Ich glaube, ich bewunderte mich dafür.

Doch meine Superkräfte endeten mit der Zugfahrt am Beginn unserer Geschichte. Ich war immer noch ich, doch Ronja und Klaus hatte ich längst im Sand zurückgelassen. 

Im Zug saß Hannah. Am Ende, Tage später, sagte sie mir, Hannah nämlich, diese Zugfahrt wäre nur ein Test gewesen. Ein vorsichtiges Austarieren meiner Gefühle, sagte sie mir später. Und das hatte ich nicht gespürt. Nichts geahnt von ihrem Test.

Aber noch saß sie mir gegenüber im Zugabteil. Und immer, wenn sie sich zurücklehnte, fühlte ich mich herausgefordert. Und immer wenn sie sich zu mir neigte wollte ich meine Superkraft einsetzen, doch es war genau falsch. Nichts war ausgewogen, alles kochte über.

Hannah hat sich in meinen Kopf gekrallt, als wollte sie ihn übernehmen, sie blickte mich an, und ich schaute nicht weg, sie legte ihre Hand in meine und ich wich nicht zurück. Alles brodelte. Ihr Test war in vollem Gang.

Als sie sich an mich hing, nahm meine Haut sie dankend an. Dies war weder wie die Wippe, noch wie das Schweben in der Luft. Dies war eine absolut unaugeglichene Situation und ich schwebte nicht nein, wir flogen. Unhaltbar schnell und unsagbar weit.

Angeschmiegt an mich, Bauch an Bauch, Bein an Bein lagen wir später da, auf ihrem Teppich als wollten wir uns ewig halten. Mein Bein schmerzte und das war völlig egal. Und ich wusste: du, Hannah willst mit mir weiterfahren, immer. Und dann sagte sie: „Du hast den Test nicht bestanden. Du hast nicht bestanden, denn du hast geträumt ich wolle mit. Du hast die Schmerzen in deinem Bein gespürt, nicht ich!“

Und natürlich wollte ich das. Sie auf ewig an meiner Seite. Es war so anders als alles, was bisher gewesen war. Sie einfach mitnehmen. Als ich aufwachte war sie schon zuerst aufgewacht. Dann fuhr sie auf einem Fahrrad davon und ich blieb liegen. Als ich erneut aufwachte, war sie schon geduscht und gekämmt und weg und meine Haare waren zerzaust vor lauter vertaner Zeit. Ich wollte weiter fliegen und suchte den passenden Flieger. Meine Superkraft meldete sich zurück. „Ausgleich!“, rief sie von weitem, „Ausgleich!“ Immer wieder. „Wenn sie radelt, musst du fliegen! Dann passt es wieder zusammen!“

Der Teufel hat mir ein Schnippchen geschlagen und es vor meine Füße geworfen. Ich war der einzige, der es suchte. Und was fand ich da nicht alles: ein unheilbringendes Wesen und ich griff zum Arzneischrank. Eine eiförmige Fratze und ich presste sie in ein Quadrat. Ein ausgetrockneter Fluss, aus dem die Dämonen krochen und ich griff zum Weihwasserbecken und segnete sie. An den Börsen spielten die Aktien verrückt und ich griff zur Flöte und ließ meine beste Melodie erklingen. Ich fand eine andere Sie, aber sie hatte ich gar nicht gesucht. Sie spielte Basketball und ich gab ihr einen Korb.

Ich fand aus meiner Superkraft nicht mehr heraus und rannte unglücklich zum nächsten Flughafen. Ich würde sie abfangen, sie einfach zu mir nehmen, sie mitnehmen in ein warmes Land, einfach so, sie würde nichts einwenden können. Bloß, sie kam nicht. Sie radelte und radelte davon, weg von mir, als wär es für sie ein Spiel einfach wieder loszulassen. Sie war gut in diesem Spiel. Sie wird wohl gute Ratgeber gehabt haben, als sie Kind war. Weißbärtige Männer, die ihr rieten immer zu gewinnen. Und das bedeutete mich zu lassen. Ihr Gewinn war die Freiheit von mir. Und meiner der Ausgleich. Ich hasste mich für meine Superkraft.

Niemand kam, weil die Welt stärker war, als meine Gefühle. Ich beschloss, allein zu fliegen. Eisenstangen halfen mir durch den Morast meinen Weg zu halten. Immer gerade aus. Immer Richtung Flieger.

Unterwegs vertraute mir ein weißbärtiger Mann ein kleines Wunder an und sagte, ich solle gut darauf aufpassen und die Welt mit ihm verbessern, es sei gesegnet worden, von einem Bischof oder einem Schamanen, er wüsste es auch nicht mehr genau. Er gab es mir in einem riesigen Kelch. Es war schwer, das Wunder. Und ganz unten, wo der Kelch ganz schmal war, sah ich es schimmern.

Ich erklomm die Stufen zum Flieger, in den Händen den wuchtigen Kelch, die Fäden hinter meinem Rücken konnte ich schon längst nicht mehr entwirren. Ich war verwirrt. Meine Hände trugen den Kelch und meine Hände waren gefesselt. Ein so schweres Wunder.

Es waren viele Stufen zum Flieger hinauf. Er stand weit oben auf einem Berg, der ihm den Absprung in die Luft erleichtern sollte. Aber das Wunder wog so schwer in meinen Händen. Ich erreichte den Flieger, er hatte ja auf mich zu warten, der ich das Wunder brachte.

Ich nahm Platz, nicht zu weit vorne, nicht zu weit hinten. Ich saß in der Mitte. Ich saß in einem Flieger. In einem Flieger auf einem Berg in der Hand einen schwerwiegenden Wunderbehälter.

Dann aber fielen die Motoren aus. Da half auch der Berg nicht mehr zum Start des Fliegers. Ich saß in der Maschine. Stewardessen rannten die Gänge auf und ab. Ich war bedient und hielt das Wunder und es bewegte sich nichts. Wir standen still auf einem Berg, der so hoch und spitz war, dass es ein Wunder war, still stehen zu können. Aber wir standen still. In der Schwebe. Das Wunder unten im Kelch, die Spitze des Berges unter dem Flieger. Wir schwebten. Wie damals.

„Das war nur ein Test. Ich wollte sehen, ob du ohne mich losfahren würdest.“, flüsterte hinter mir eine Stimme!“

„Ich habe den Test bestanden!“, flüstert ich.

„Ich hatte es ja geschafft, dich zu vergessen“, flüsterte Hannah, „ich hatte mich frei gemacht von dir!“

„Du bist einfach gefahren.“

„Das war ja gerade der Test. Du kannst mich nie geliebt haben, wenn du in einer so entscheidenden Situation alle deine Liebe verwirfst und dich in den nächstbesten Flieger rettest. Jetzt stehst du still. Und alles mit dir. Und du weißt nicht, ob sich je wieder eine so leichte Probe finden wird. Und ob sich je wieder irgendetwas bewegt. Den Flug kannst du vergessen. Wohin wolltest du?“

„Nach Hause. Zu dir.“

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