Viva la Evolution!

Dieser Tage hatte ich Lust auf ein paar seltsame Gedanken. Da habe ich sie mir gemacht.
Zuerst standen sie noch recht vage vor meinem geistigen Auge, doch mit der Zeit, konnte ich sie aus dem Nebel der ewig vorbeirauschenden Wörter, Farben und Klänge weiter nach vorn holen und ihnen ein paar Konturen geben.
Welches Gen hatte uns nur dazu gebracht, ständig und so viele Gendanken hin und her zu schieben. Bei mir verhielt es sich so, dass sie sogar ein unangenehmes Hintergrundrauschen verursachten. Es geschah aber von Zeit zu Zeit, dass die Gedanken mich riefen „Halt“!, riefen sie dann, „Konzentrier dich auf uns! Wir sind ja schließlich nicht aus Jux und Dallerei hier!“
Manchmal rief aber auch ein Gedanke aus meinem Kopf zu mir heraus „Geh nun!“ Und dann ging ich und er war weg. Für immer. Doch so weit war es heute noch nicht.
Ich nahm also meine Gedanken und baute mir daraus einige Gebäude, überwölbte sie mit einer hübschen Metaebene und ging dann mit meinem Freund, der genetisch ähnlich veranlagt war los, um mich in der inzwischen entstandenen Stadt umzusehen.
Schwer zu entscheiden, welche Gedankengebäude nun aus meinem Kopf und welche seinem Kopf entsprungen waren. Eins gab das andere und dieses spiegelte wiederum das erste.
In der Stadt dudelten aus allen möglichen Lautsprechern wahllos generierte Worthülsen vor sich hin. Es war uns kaum möglich, die für uns wichtigen Sequenzen aus dem vielschichtigen Allerlei herauszuhören. Wir wussten nicht, welche Frequenz uns zugedacht war, geschweige denn, wie wir die für heute wichtige Losung erfahren sollten. Hans-Paul fragte mich, ob ich heute schon von beängstigenden Dingen gehört hätte und ich sagte „Nein. Heute nicht! Aber wer kann sich da schon sicher sein.“
Natürlich hatte ich von beängstigenden Dingen gehört. Doch letztendlich wusste man nie, ob es wegen einer anstehenden Sequenzierung war, oder ob man der gestrigen Gruppe wieder nachgegeben hatte. Oder sonst irgendwem. Meist ging es dann doch nur um die Blumen für Schneewittchens Grab. Also sagte ich „Nein. Heute nicht! Aber wer kann sich da schon sicher sein.“ Ich hoffte, dass es ihn ein wenig beruhigen würde.
„Das sagtest du schon!“, sagte Hans-Paul.
„Verzeih!“, sagte ich, „ich war mir nicht sicher, ob ich das nur gedacht oder bereits zu dir gesagt habe! Aber es stimmt. Heute nicht!“
Hans-Paul schielte wissend zu mir herüber. „Kommunikation geht leichter, wenn man sich auf ein Thema einigt!“, sagte er. „Was soll das Gefasel von Frequenzen und Sequenzen und Losungen. Was ist mit den Blumen für Schneewittchens Grab? Wie passt der hier her, he?“
„Für meine Gedanken kann ich nichts“, sagte ich ein wenig eingeschnappt, „aber das war dir ja bestimmt schon vorher klar!“
Das war es. Und Hans-Paul schien außerdem schon von Beginn an klar gewesen zu sein, dass wir in dieser Stadt nicht die richtigen Pässe dabei haben würden. Vermutlich würden wir überhaupt gar keinen Pass dabei haben. Und so war es dann auch.
Dabei hatte ich vier zu Hause. Nur für den Fall. Man wussten ja eigentlich nie, welche Gruppe gerade die Oberhand hatte. Und an diesem Tag wussten wir gar nichts. Nie wusste man, ob blaue Augen okay sind, welches Gen heute bevorzugt oder benachteiligt würde, wie sich die Evolution seit gestern entwickelt hatte und ob wir überhaupt noch gebraucht würden, für den Fortbestand dieser Geschichte in dieser Stadt.
Es ist immer auch wichtig zu wissen, wer gerade wen kontrolliert, auf welche Art man sich an diesem Tag einlassen sollte, und welche man besser mied. Waren wir heute dafür oder dagegen? Wer kann das vorher wissen. Gestern waren wir es, aber heute? An manchen Tagen änderte sich die Lage stündlich. Es machte also überhaupt keinen Sinn, irgendwelche Nachweise dabei zu haben. Meist waren es, wie gesagt, sowieso die falschen.
„Du hast recht, mit allem was du denkst!“, sagte Hans-Paul, „aber so ganz ohne Pass ist mir doch etwas mulmig!“
Ich war etwas irritiert, dass Hans-Paul es nicht mal mehr nötig hatte, auf meine ausgesprochene Meinung zu hören. Meine Gedanken schienen ihm völlig zu genügen. Wir kannten uns halt schon recht lange.
„Wusstest du, dass die Farbspielereien auf der Haut der Riesenkraken nur zustande kommen, weil sie ein zu großes neuronales Netz haben?“
„Es sind wahrscheinlich mehrere Netze!“, entgegnete ich.
„Wusstest du, dass die Geweihe der Hirsche eigentlich total unpraktisch sind?“
„Trotzdem hat die Evolution sie hervorgebracht, so, wie unsere blauen Augen, und unsere übergroßen Gehirne, samt der unnützen Gedanken darin!“
Uns war beiden nicht klar, wer von uns nun was gedacht hatte. Aber es war ausnahmsweise einmal logisch und so fügten wir uns in unser Schicksal.
Als wir am Schlosstor erschienen, bahnte sich gerade eine Zusammenrottung an. Fast könnte man sogar sagen, dass sich eine Anbahnung zusammenrottete. Doch weil das fast täglich passierte, waren wir daran gewöhnt und auch die Reihenfolge der bedeutungstragenden Einheiten unserer Gedanken spielte hier überhaupt gar keine Rolle.
Wir hatten uns auch daran gewöhnt, dass es in letzter Zeit immer wieder Vermisste gab, von deren Verbleib man erst Wochen später aus diversen Berichten erfuhr. Diese Rückkopplungsschleifen waren wichtig. Man wusste ja sonst nicht, welche Gedanken man ausgeführt hatte, und welche nur in der Fantasie eine gewisse Wichtigkeit erreichten.
„Wenn man danach sucht!“, sagte Hans-Paul. „Genau!“, sagte ich, „Wenn man danach sucht!“
Für die letzte Sicherheit über die letzte Reise half nur, die Zeitungsannoncen durchzublättern. Das war heute wie eh und je. Die Obduktionsleiter ließen meist alle unverdächtigen Tatsachen kaschieren, bevor sie die offensichtliche Wahrheit an die Öffentlichkeit ließen. Und das geschah häufig erst nach Wochen.
Wir standen also vor dem Tor und mussten miterleben, wie sich ein Kreis um uns bildete…
Nicht lange und wir steckten fest. Nachdem man uns eine Weile dicht an dicht hatte warten lassen, wurden wir auseinandergerissen. Es ging also doch um die Sequenzierung. Man würde nach unseren Haplo-Nachweisen fragen. Ein großes Mädchen kam auf uns zu. Seltsamer Gedanke. Könnte es nicht eine erwachsene Frau gewesen sein? Großes Mädchen, kleiner Riese…
Großer Riese, kleiner Zwerg. Sieben Gedanken schlüpften gleichzeitig durch die sieben Berge.
Zweifellos gehörte sie zu den Ultras unter den Genetikern. Es hatte seine Waffe locker über die Schulter gelegt und trug eine dieser blauen Westen. Ihr niedliches Lächeln vermochte nicht, die starke Willenskraft hinter seinen Gesichtszügen zu verbergen. Es schien genau so intensiv zu denken, wie wir.
„Verwirrend, nicht wahr?“, sagte Hans-Paul. „Ich weiß bei Mädchen nie, ob ich es oder sie sagen soll!“
„Es hilft aber gar nicht weiter, wenn du dich von Gedanke zu Gedanke umentscheidest.“
„Es ging lediglich um das große Mädchen.“
„Ich weiß,“ sagte ich, „das, nicht die!“
Dann fragte sie, ob wir unsere Haplo-Nachweise dabei hätten und meinte so ganz nebenbei, dass wir sie bei Gelegenheit dem Leiter der Versammlung zeigen sollten. Wir wagten nicht ihr gegenüber zuzugeben, dass wir nicht imstande waren, irgendetwas zu zeigen und schon gar nicht, dass wir zur Haplogruppe R1a-M17 gehörten.
Nun wurde endlich begonnen zu sortieren. Einige Menschen wurden von den kleinen Kerlchen der Sicherheitskontrollen nach links, andere nach rechts geschickt. Ein kleines Kerlchen winkte ausgewählten Gedankenträgern zu und ließ sie durch das Tor ein.
Der kleine Kerl. Das kleine Kerlchen. Er pflückte Blumen für des Schneewittchens Grab…
Ganz in unserer Nähe erblickte ich einen Sicherheitsbeamten, dem ich nun schon von Weitem zurief, während ich mir meinen Weg durch die bereits ausgesonderten Menschen bahnte, er möge mich aus diesem Tumult geleiten, da ich meinen Pass nicht dabei hätte, und dass man ja nie wissen könne, was ob dieses Strafbestandes mit einem gemacht würde.
Er nickte mir freundlich zu, umfasste meine Schulter und führte mich aus der Menge hinaus um mich in seinen Dienstwagen zu setzten.
Wo aber war Hans-Paul eigentlich auf einmal? Scheinbar konnte er mir nicht mehr folgen, vielleicht hatten sie ihn schon?
„Hier!“, sagte der Sicherheitsbeamte, als er sich neben mich auf den Fahrersitz setzte. „Probier mal diesen Apfel!“
Die Stadt war in Auflösung begriffen als er den Motor anließ.
„Alles halb so wild!“, nickte er mir zu und fuhr los.
Wir fuhren Richtung Herkunft hinaus aus der Stadt, bergauf und bergab und bergauf und bergab und noch vier, fünf mal dasselbe, vorbei an der ehemals freien Pathologie, wo er auf die Bremse trat. „Genug gedacht für heute!“, sagte er und ließ mich freundlich an einer dort befindlichen, doch recht abseits gelegenen Wiese aussteigen. „Geh nun!“, sagte er. Und ich verstand „Genom“. Ich ging aber trotzdem und bedankte mich für seine Hilfe.
Als ich anfangen wollte über die Missstände in meinen Gedankengebäuden nachzudenken, sah ich einen blau uniformierten Motorradfahrer auf mich zurasen, das Fahrzeug nur mit der linken Hand steuernd, in der rechten Hand ein Maschinengewehr schwingend. Er rief laut: „Wer ist der schönste im Land?“
Da blieb ich stehen wo ich stand und auch meine Gedanken hatten auf einmal keine Lust mehr. Wir wurden von ihm im Vorbeifahren erschossen.
Hans-Paul habe ich heute nicht wieder gesehen und ich weiß, dass es sehr ungeschickt war, ohne Pässe loszugehen.
Falls ich das Apfelstück nochmal ausspucken sollte, versuche ich es noch mal anders. Gedanken sind ja eigentlich gar nicht tot zu kriegen.