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Im Kino

Ich habe gestern entdeckt, dass es die Welt nicht ernst genug mit mir meint.

Gestern nämlich habe ich einen Film gesehen, und ich musste nicht weiter darüber nachdenken.

Deshalb stelle ich mir die Frage, wer das gewollt hat? 

Es muss doch irgendwo in einer versteckten Ecke der Welt jemanden geben, der das gewollt hat, dass ich so nachlässig mit seinen Gedanken umgehe. 

Niemand hat mich dazu aufgefordert, doch ist gerade diese übertriebene Nichtaufforderung so auffällig, dass ich mich frage, warum ich nicht mit diesem Film zugleich die Anweisung erhalten habe, auf welche Art auch immer, ihn in meinem Innersten zu verarbeiten. Aus welchem Grund könnte das geschehen sein?

Ich muss mich erklären: Ich bin nicht etwa ins Kino gegangen, weil irgendein Filmplakat mein Interesse weckte, nicht weil irgendein Satz in irgendeiner Zeitung mir diesen Film nahegebracht hat. Ich bin einfach gegangen. Das war diese typische Unbestimmtheit, die meine Schritte auf unerklärliche Weise gelenkt hat, diese Unbestimmtheit, die mich des öfteren überfällt, wenn ich in Gedanken bin. Ich hatte einfach Lust dieses Kino zu betreten. Der Film hat mir nichts gesagt. Aber das sagte ich ja schon.

Die Handlung war einfach und vorhersehbar, es verbarg sich kein wertvolles Kunstideal, keine menschheitsverbessernde Pädagogik, kein Pathos hinter der äußeren Form der vorbeiströmenden Bilder. Ich möchte schlicht sagen, es handelte sich um einen Film. Das möchte ich aber gerade nicht so verstanden wissen, wie es mein Onkel, der niemanden in die Seele blicken konnte, immer meinte, wenn er auf meine brennend neugierigen Fragen, was er denn sähe, mit “Einen Film!” antwortete. In seinem Fall war die Antwort trivial, in meinem der Film.

Es lohnte sich in meinem Fall gar nicht, mehr zu sagen, als dass es ein Film sei. Niemand im ganzen Saal hat eine Überraschung erwartet - außer mir waren noch fünf weitere Gäste dort. Dies gibt mir genügend Grund zu der Vermutung, wir, die wir in diesem Saal zu eben dieser Zeit versammelt waren, seien eine auserwählte Schicksalsgemeinschaft. Das wird jedem sofort einleuchten, der sich genau überlegt, was er zu dieser Zeit gemacht hat.

Ich verlange keine Alibis. Nicht jeder kann sich zur Gemeinschaft der Auserwählten rechnen. Immerhin gab es außerhalb des Kinosaals genug Verlockungen um diesen Tag anderweitig mit Sinn zu erfüllen. Es war heiß, man konnte baden gehen. Es war Werktag, man konnte seine Pflicht erfüllen. Doch wir sechs taten nichts von dem, was die Unberufenen taten. Wir saßen, wir sahen und grübelten nicht. Es war ja alles so klar, wahrscheinlich hat deshalb niemand zuvor einen solchen Film drehen lassen. Es war so klar.

Jetzt aber stelle ich mir die entscheidende Frage: Warum war es so klar, oder vielmehr, warum wurde dieser Film in dieser nichts sagenden Form gedreht, wenn er scheinbar nichts beim Zuschauer bewirken will. Warum wurde er nur einer so kleinen Gruppe von Leuten gezeigt, die noch nicht einmal wissentlich im Kino waren?

Ich denke also, kurz und knapp, dass die Welt es nicht ernst mit mir meint. Mit mir und den anderen fünf.

Kein Regisseur würde sich diesen Spaß erlauben, wenn er nicht ganz etwas anderes sagen könnte, etwas, dass ihm Geld in die Kassen bringen würde, nicht so in unserem Fall, etwas was den Zuschauern für kurze Zeit wieder einen Sinn geben würde, etwa um auf dieser Welt weiter zu leben, und sei es nur fürs Musikhören. Nicht so in unserem Fall.

Da wir, und insbesondere ich, aber nun mal den Film gesehen hatten und zu diesen Überlegungen, wie ich sie darzulegen versucht habe, kommen mussten, muss man sich zwangsweise eingestehen, dass wir etwas besonderes gesehen haben, etwas wovon wir berichten sollten, um andere Menschen von diesem mysteriösem Vorfall in Kenntnis zu setzen.

Wir sind die Auserwählten, und wir verkündigen euch den neuen Sinn der Welt. Dazu haben wir sechs ein Komitee gegründet, welches die Aufgabe hat, die Assoziationen, die uns nach dem Erlebnis kamen, schriftlich zu fixieren.

Was ich hiermit getan habe. Weiter gibt es nichts zu berichten.

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