Willi Fobbe

ein kurzes Leben
 

Josef und Friedrich

Maria war die jüngste der drei Töchter auf dem Bild. Sie ist 1913 geboren. 1916 starb ihre Oma. Und als sie 13 war, kam Willi auf die Welt. Wiederum zwei Jahre später ist ihre Mutter gestorben. Und als der Krieg losging, da wurde Willi dann 13. Da war für Willi kein anderer Mensch als meine Oma da, seine große Schwester. Und das ging so:

Wilhelm, der Kaiser, hatte nicht so viel Lust auf Frieden wie Bismarck. Und dieses ganze schöne ausgeklügelte Bündnissystem brach zusammen. Und dann mussten alle in die Fremde ziehen, weil ja Wilhelm zu Habsburg hielt. Und dann hieß es auch für drei aus Omas Familie, und das waren Franz, Josef und Friedrich, ab nach Frankreich oder  Russland. Josef Fobbe senior, mein Ururgroßvater war zu Hause mit seiner Frau Elisabeth und seiner Schwiegertochter Maria, mit den drei Enkelkindern, meiner Oma Maria und ihren etwas älteren Schwestern Elisabeth und Margarethe.

Die Frau rechts ist eine Frau mit großem Kummer, Maria Fobbe, geborene Oberhoff. Ihr Mann Heinrich ist nicht auf dem Bild. Und natürlich fehlen die drei Weltkriegs-Kämpfer Franz, Josef und Friedrich. Oma ist das kleinste Kind auf dem Bild, die hieß nach ihrer Mutter, Maria. Und guckte ihren Opa an. Wo ist denn der Papa? Heinrich ist nicht da. Wo sind Onkel Franz, Onkel Josef und Onkel Friedrich. Sie sind nicht da. Ururopa Josef und Ururoma Elisabeth bangen um ihre Kinder. Und auch Elisabeth ist eine Frau mit großen Kummer. Und der Kummer hat schon in dieser Zeit, als das Foto gemacht wurde, mit der kleinen Maria Bekanntschaft geschlossen.


Franz kam im wahrscheinlich im Juni 1915 schwer verwundet aus Agny in Nordfrankreich zurück. Er lebte. Doch dann kamen Briefe aus dem Osten. Der im August geschrieben Brief ist erst nach dem Brief vom 20. November angekommen.

Der erste Brief, den Josef und Elisabeth erhielten, war dieser hier:

Absender: Untffz. d. Res. Günecker

Reserve Feldlazarett 102
76.Res.Division

An Herrn Josef Fobbe in Obermarsberg, Am Friedhof 78
geschrieben den 20.11.1915


Sehr geehrter Herr Fobbe!
Ihr Sohn wurde schwer verwundet am 21.08.1915 in unser Laz. eingeliefert mit Kopfdurchschuss. Ohne sein schweres Leid selbst zu fühlen ist er schon am nächsten Tage sanft gestorben. Auf dem Kirchhofsplatz in Aleksandrowska ist er im Einzelgrab beigesetzt worden. Wir haben das Grab schön aufgemacht und mit Rasen eingefasst u. mit einem starken wunderschönen Kreuz versehen worauf sein Name Tag u. Jahr der Geburt und das Jahr stehen. Von Kowno aus können Sie mit einem Wagen in 1 1/2 Stunden dort sein u. finden die Grabstelle sicher. Vielleicht kann ich Ihnen später, da ich Lehrer in Wanne-Süd, Westfalen bin, mündlich alles erzählen.
Ich schreibe  im Auftrage d. Inspekt.
Ich grüße Sie vielmals ergeben
Günecker Unteroffizier der Reserve

Und da war Onkel Friedrich also tot. Was die Familie nicht wusste, war, dass auch Josef schon längst tot war. Er starb nur zwei Tage nach seinem Bruder. Hierzu ist keine Mitteilung erhalten. Die zweite Feldpostkarte betrifft auch Friedrich.

geschrieben, den 22.8.1915

Wir teilen hierdurch mit, dass Ihr Sohn Friedrich heute vermutlich um 1 Uhr infolge eines Kopfdurchschusses in dem Lazarett verstorben ist. Die Beerdigung fand auf dem öffentlichen Teil des Kirchplatzes statt. Unser Beileid.
Zimmermann, Feldlazarett [Name des Lazaretts]

Inzwischen hatten Anton und Elisabeth also auch vom Tod ihres zweiten Sohnes erfahren müssen, der in Masowien oder Weißrussland nur zwei Tage nach seinem Bruder gefallen war.  Und da war Maria, meine Oma, um einen weiteren Onkel ärmer. Oma war zwei Jahre alt. Ihre Oma hatte zwei Söhne weniger. Schon lange vorher hatte sie schon einmal zwei Söhne verloren – Wilhelm und Anton. Wilhelm hatte nur zwei Monate gelebt, Anton immerhin 6 Jahre.

Elisabeth starb das Jahr darauf, 1916, aus Gram. Ich zähle drei Kriegstote, statt der zwei offiziellen und zwei tote Kinder.

Omas Mutter hatte keinen Schwager mehr, blieb traurig, bekam 1926 trotzdem, weil wenigstens ihr Heinrich doch noch da war, 13 Jahre später, noch einmal einen Sohn, Willi. Aber auch sie blieb traurig und starb 1928. Und da war meine Oma um eine Mutter ärmer und um einen kleinen Bruder reicher und musste sich um Haus und Hof und Willi kümmern. Franz blieb unverheiratet. Und Heinrich, ihr Vater, kümmerte sich ums Vieh und wurde 90 Jahre alt.

Wieviele Tote kann eine Familie ertragen? 

Ganz spät in Omas Leben, hat sie mich, ihren Enkel, immer wenn ich ins Zimmer kam mit "Willi" angesprochen.