Mutter

Da stehe ich vor Dir, der Alternden, der in die Zeit der Kindheitserinnerungen Zurückgeschobenen. Ich ein fast Erwachsener, du eine Frau, die niemals so viel Liebe und Treue zu mir senden konnte, dass ich, der Flüchtende, sie aus der Ferne hätte spüren können.
Weit weg bin ich von Dir gewesen, weit zurück liegt das Gefühl der Geborgenheit in deinen Armen.
Wann war das letzte Mal, dass Du mich auf deinen Schoss nahmst, um mich einfach zu halten, um mich einfach nur so als deinen Sohn bei dir zu wissen. Weißt du es noch? Hast du mich gestreichelt?
War es schmerzhaft für Dich, als ich nicht mehr zu Dir kam, wenn mir die Tränen in den Augen standen?
Das alles sind Fragen, die ich schon immer stellen wollte.
Ich habe geträumt, ich, der erwachsene Sohn, von Dir, von deinen Händen, die mich geführt haben, als ich laufen lernte, die mich gehalten haben, wenn meine unbeholfenen Schritte ins Stolpern kamen, deine Hände, die mich zu Dir emporhoben, wenn du meintest ich bräuchte deine Wärme.
Ich kann nicht sagen, warum ich gerade jetzt von Dir träume. Ich weiß, dass mich etwas bedrückt, und dass ich schlicht denke, Du hilfst mir. Mein Problem handelte von der Liebe und du sagtest ganz selbstverständlich, mein Sohn, du wirst wieder glücklich werden. Ich weinte. Du zogst meinen Kopf auf deine Schultern und ich habe mich gefühlt, wie der kleine Knirps, der irgendwann deinen Körper verlassen hat, nur um jeden Tag wieder zu dir zurückzukehren, weil es so gemütlich und sicher ist in den Armen einer Mutter.
So liegt mein Kopf auf Deiner Schulter, Deine Hand streichelt mein Haar und die wilden Kräfte, die in mir wüten hast Du verschwinden lassen.
Aber als ich aufgewacht bin war die Realität die alte, die Welt war dieselbe.
Ich war zwar um eine Erfahrung reicher. Doch hatte ich das schale Gefühl, sie wäre bloß noch ein letztes mal unter deinen Händen wachgerufen worden. Bloß eine Erfahrung, die ich schon einmal gemacht hatte. Doch wie lang, zu lang liegt das zurück, als dass sie wieder Realität werden dürfte.