Meine Gedanken sind wie zügellose Pferde

Eines Tages verlor ich meine Orientierung und fand mich unverhofft in Adalton wieder, einem kleinen Städtchen in der Nähe Victorias, B.C., Kanada.

Der Weg dorthin führte mich über Bremen. In Bremen hatte ich die Realität verlassen. Allerdings nicht ohne vorher mit einem Freund gesprochen zu haben, der gut mit einem weiteren Freund befreundet war, der selbst auch schon mal in Victoria war, nicht aber in Adalton, der allerdings in der übernächsten Nacht die Absicht hatte, mal einen Abstecher nach Adalton zu machen. Mit ihm sprach ich sehr lange. Worüber? Über Erinnerungen und den aufrechten Gang.

Es blieben Fragen offen, doch der Weg war inzwischen da und ich wollte dringend weiter, zumal ich auch nicht wusste, wie lange diese Nacht halten würde, bevor ich aufwachte.

Der Weg führte mich mitten durch die schwärzeste, nebligste Nacht. Es war ein Schotterweg, und ich hatte das Gefühl ich würde eine gefährliche Welt voller Fichten durchqueren. Ich fuhr in einer Fahrgemeinschaft mit einem Stückchen Treue und einem Happen Reue. Die Treue verabschiedete sich in Alberta und ich fuhr allein mit der Reue weiter. Sie war ganz ok.

Ich kam an, stieg aus und war nun allein. Ich stand, wenn ich mich richtig erinnere, zum ersten Mal in meinem Leben still. Ich stand komplett still. Nicht nur äußerlich. Es war Markt. Um mich her wuselte es vor Menschen. Dennoch war ich allein und gerade, weil alles so sehr verwuselt war auf diesem Markt in Adalton konnte ich still sein, die Beine, die Hände, der Kopf und der innere Teil des Kopfes vor allem. Alles wuselte um mich, doch ich war still. In Adalton.

Dann jedoch begann ich zu sehen: Einen Mann, eine Frau, einen Verwandten.

Der Mann stand etwas erhöht, auf einer Treppe wahrscheinlich. Er sah Rüdiger sehr ähnlich, er war es aber nicht. Eher so, wie man sich einen Rüdiger vorstellt: immer noch Student, den kanadischen Staat anklagend, 40 Semester Grundschulpädagogik, klagend über das Bildungssystem, klagend über kanadische Bürokratie, klagend über sich, über Gott und über die kanadische Angewohnheit Lachse in Bären springen zu lassen.

Ich war baff. Rüdiger sah aus, wie ein Deutscher: rötliche, leicht gewellte Haare, Vollbart, Sandalen, hellblaues Hemd, Ledertasche unter dem rechten Arm, weit nach vorn gebeugt, untertänig, wie ein Student der achtziger Jahre eben. Adalton hatte solche erschütternden Existenzen aufzuweisen...

Dann gab es eine Frau, recht nett, umwerfend schön, allerdings nur hier, in Adalton. In echt hätte ich sie übersehen. Ich saß plötzlich neben ihr, obwohl ich mich die ganze Zeit nicht bewegt hatte. Ich hatte diesen Menschen angestarrt, diesem Rüdiger zugehört, seine Anklagen nachvollzogen und ihm zugestimmt.

Jetzt saß ich also. Und diese Frau saß auch. Neben mir. Sie hielt mir einen Spiegel vor die Augen. Im Spiegel sah ich ihre Augen und als sie danach selbst in den Spiegel schaute, sah ich, wie sie meine Augen sah.

Sie rückte näher. Ich tat nichts. Ich war innerlich und äußerlich extrem still. Die ganze Zeit.

Ich wunderte mich noch kurz darüber, wie zuvorkommend die Bevölkerung Adaltons war. Seit sie mir diese Frau geschickt hatten, waren sie diskret verschwunden. Alle Leute, die auf dem Markt umhergewuselt waren, waren verschwunden. Auch der ewige Student hatte aufgehört zu sein. Die Treppe, auf der er kurz zuvor gestanden hatte war nicht mehr zu sehen. Der Markt erschien mir nun etwas blass.

Dann machte es plopp und ich konnte mich noch besser auf meine Fiktion einlassen. Ich fühlte mich wohl dabei, meine Fantasie direkt in die Tat umsetzen zu können. Ich löschte den Schotterweg, die Erinnerung, den Markt, das Stückchen Treue und den Happen Reue in Adalton. Und die Frau im Spiegel. Und den dicke Onkel Kurt.

Halt! Den noch nicht löschen.

Den nicht!

Der dicke Onkel Kurt war plötzlich da. Es ist schier unglaublich. Jetzt kam doch tatsächlich der dicke Onkel Kurt, dieser zweitklassige Verwandte dahergelaufen und ich fragte mich, worum es eigentlich in diesem Traum ging.

Der Schotterweg, die Erinnerung, der Markt, das Stückchen Treue und der Happen Reue in Adalton. Und die Frau im Spiegel. Und jetzt dieser miese Verwandte und ich dachte, wenn schon Kanada, dann unmöglich hier, er müsste doch weiter westlich hocken. Mischpoke. Mischpoke ist ein schönes Wort. Doch nicht weiter wichtig. Nur ist sie immer am falschen Ort.

Wahrscheinlich war der dicke Onkel Kurt gar nicht mit mir verwandt. Und wahrscheinlich wusste er gar nicht, dass ich heute in Adalton war. Wie hätte er auch wissen sollen, dass ich ausgerechnet in dieser Nacht von Kanada träume. Und hätte er es gewusst, er hätte es niemals drei Tage vorher gewusst, um sich rechtzeitig ein Flugticket zu kaufen. Er wäre nie rechtzeitig in Adalton ankommen. Das war schlicht nicht möglich. Das sieht ja jeder sofort.

Es ging hier ausschließlich ums Timing. Erinnerung, Treue, Reue, Verwandtschaft? Weg damit. Das ergibt keinen Sinn. Auf das Timing kam es an.

Kurt beugte sich nach vorne, immer weiter und ganz langsam, bis sein Oberkörper in rechtem Winkel zu seinen Beinen stand. Er sagte: „Das alles ist ungefähr so!“ Dann begann er lustig zu marschieren.

„Entschuldigen Sie? Was – ist – so?“ fragte ich.

„Du hattest doch Fragen! Hier ist die Antwort.“ sagte er, während er so vor mir her und um mich herum marschierte. Dabei glitten seine Jackettzipfel über den kalten kanadischen Boden wie Bärentatzen. Bei jedem 7. Schritt zuckte es durch seinen Körper, als schwämme ein wilder Lachs in seinem dicken Bauch.

„Alles klar?“, fragte er,

und endlich wusste ich Bescheid. "Das alles ist ungefähr so!"