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Meine Gedanken sind wie zügellose Pferde

Als Hugo im letzten Sommer im Urlaub war, es war in England, interessierte ihn besonders die Vereinsarbeit der Feuerwehr des mondänen Erholungsortes. Zu Hause im märkischen Baruth, am südlichen Rand des Holzdreieckes gelegen, war er ein erfolgreicher Kamerad, der schon bei einigen Wettkämpfen und auch bei echten Einsätzen seinem Verein und seinem Hauptbrandmeister Ehre gemacht hatte. Und auch sonst war er ein trinkfester Bursche.

Nun, in England, verbrachte er seine Freizeit indem er hier und dort Erkundigungen einholte, kam auch mit einigen Kameraden näher in Kontakt, sodass er über kurz oder lang im Urlaub genau dasselbe tat, wie auch zu Hause. Für ihn war es sehr erholsam, sich mit anderen Menschen über Saug- und Strahlrohre zu unterhalten, genauso erholsam, wie die Feuerwehrabende in der Heimat immer waren.

Gut, er hätte dazu nicht nach Bristol fahren müssen, doch man stelle sich vor, wie er, zurück in der Mark, eine ganze Tasche voller Neuigkeiten aus dem europäischen Ausland auf die neue Präsentationstafel im Baruther Feuerwehrhäuschen schleudern und auftrumpfend auch sich beim nächsten Kameradschaftsabend als polyglotten Brandtechniker präsentieren würde. Dort konnte er die Rolle des erfahrenen Feuerwehrmannes spielen, was er auch sehr gerne tat und die anderen würden gebannt seinen Worten lauschen, die er sich schon jetzt, fern der Heimat, im Stillen zurechtlegte: „Ja, in Bristol ist das Feuerwehrwesen sehr ähnlich zu unserem. Aber, liebe Kameraden, wir sollten nicht ignorieren, dass usw...“

Er schloss wie gesagt schnell Freundschaften im fremden Land lernte auch die Landessprache in wichtigen Auszügen, also die Vokabeln für Saugrohr, Spritze, Kupplung, TS15/15, Rückschlagventil, Bier und dergleichen mehr. Es konnte dann nicht anders sein, als dass er bald mitsamt seiner Mischpoke aus dem Hotel „Atlantic-Juwel“ aus- und statt dessen in die gemütliche Wohnung eines englischen Hauptbrandmeisters, Mr. Poseidon mit Namen, einzog.

Dort wurde mehr noch als zuvor palavert und Hugo dachte kaum noch daran, dass er ja eigentlich im Urlaub war, so sehr war er in seinem Element. Mit der Zeit ging er sogar zusammen mit Mr. Poseidon zu den Übungen der dortigen Truppe und tat sich zum Erstaunen der englischen Kameraden mit deutschen Feuerwehrtugenden hervor.

Eines hatte er allerdings bei all dem vergessen. Sein pubertierender Sohn Rüdiger und dessen Mutter, seine Frau Laurencia wollten ja auch beschäftigt werden. Zwar hatte er sie und den gemeinsamen Sohn ja mit in den Urlaub genommen. Doch nicht einmal war er bisher mit seiner Laurencia durch den Castle Park zur St. Peters Church geschlendert, nicht einmal hatte er sie ins Llandoger Trow ausgeführt, oder mit seinem Sohn die Old City Bristols besichtigt. Auch ein Tag am Strand, draußen am Bristol Channel, war bisher nicht in des Vaters Planung vorgesehen.

Mutter und Sohn beschlossen daher nach einiger Zeit des Unmuts das Beste aus ihrer Lage zu machen und deckten sich mit alkoholischen Getränken und Zigaretten ein, sodass sie es sich den Rest des Urlaubs in Garten und Haus ihrer Gastfamilie unten am Avon-River gut gehen lassen konnten. Die Familie, bei der sie ja nun auf des Vaters Geheiß eingezogen waren, war zwar nicht übertrieben höflich, doch ließ sich der bescheidene Garten schnell für zwei Parteien herrichten, sodass Laurencia unbeschwert im Sonnenschein baden konnte, so wie sie es sich für ihren Urlaub gewünscht hatte.

Am meisten freute sie sich nun darüber, dass ihr werter Hugo sie bei ihrem Mittagsbierchen in Ruhe ließ, d.h. er bekam diese Gewohnheit gar nicht erst mit.

Der Sohn indes, zog sich am liebsten in den schattigen Keller des Hauses zurück, wo er mit der Katze der Familie Kontakte anbahnte, um sich so an die Tochter schmeißen zu können. Von den Feuerwehreskapaden seines Vaters hielt Rüdiger nicht viel. Ihm Stand der Sinn nach Liebe und Sex und mit seiner Strategie, erst die Katze für sich zu gewinnen um dann die Tochter zu erobern, war er auch recht erfolgreich. So hätte man schon bald vertrauliche Gespräche aus dem Keller erlauschen können, während die Väter in irgendeinem Gerätehaus oder Feuerwehrmuseum weilten und die Mütter sich, hübsch nach Nationalität getrennt, im Garten und auf der Terrasse die Kante gaben, ja nahezu ein Kampftrinken veranstalteten. Und diese Gelegenheiten waren nicht selten.

Hätte die Familie gewusst, wo sie sich hier nun tatsächlich eingenistet hatte, wäre sie wohl am liebsten gleich wieder ausgezogen, denn in Wahrheit wohnte man bei Göttern. Rüdiger hatte zuerst bemerkt, dass irgendetwas bei Nereide, so hieß die Tochter der Poseidons, anders war, als er es aus Deutschland kannte. Doch schwieg er, denn die Situation, in der er dieses Andere bemerkte war zu pikant, als das er seiner Mutter davon hätte erzählen können, geschweige denn seinem Vater, der von Sex vor der Ehe nicht sonderlich viel hielt. Den Glauben an die Wahrheit hinter den Moralpredigten seines Vaters hatte Rüdiger indes schon längst über Bord geworfen, ganz für sich, im Geheimen, versteht sich.

Als er an einem der letzten Tage, nachdem er mit Nereide sehr nah beieinander gelegen hatte und anschließend mit zersaustem Ömmelkopf im Bett lag, um mit lässig zwischen den Lippen hängender Zigarette die Hübsche genauer anzusehen, was ihm auch großes Vergnügen machte, bemerkte er plötzlich, dass ihre Haut an den Schenkeln auf merkwürdige Weise goldfarben glänzte. Bisher hatte sie immer vermieden, seinen Augen vollkommene Freizügigkeit zu gewähren, doch nun, wohl aus Versehen, präsentierte sie Rüdiger einen Anblick, den er nur aus den Kinderbüchern seiner früheren Zeit kannte.

„Tatsächlich,“ dachte er, „die Kleine hat da ein paar goldene Schuppen“. Etwas später dachte er Sachen wie „Interessant!‘ dann dachte er: „Ungewöhnlich!“ und schließlich: „Göttlich!“. Und so schnell, wie ihm diese Wörter durch den Kopf schossen, so schnell war auch das Bedürfnis verschwunden, irgend jemandem etwas von seiner Beobachtung mitzuteilen. Nebenbei bemrekt war er auch ein wenig stolz darauf, mit einer Göttertochter geschlafen zu haben, und jetzt, da er das wusste, wollte er das gleich noch einmal…

Ein paar Tage später, Rüdiger stapfte gerade auf der Suche nach Zigaretten durch den Hausflur, begegnete er seiner Mutter und Amphitrite, der Mutter Nereides. Beide waren, wie schon erwähnt, seit Tagen betrunken und wohl auch in einer tieferen Lebenskrise, da sie ihre Männer schon seit ebenso langer Zeit nicht mehr gesehen hatten, was, wie wir wissen, nicht ausschließlich am ihre Schuld war. Den Sohn, der da vollkommen nackt in einer Schublade nach Zigaretten kramte, beachteten sie gar nicht, und auch als Nereide, ebenfalls recht unbekleidet, kam, um nach ihm zu sehen, geschah nichts weiter als das die beiden Mütter sich darüber stritten, wer von beiden die unbefriedigendste Ehe führte. Die Jugend verschwand wieder doch der Streit erhitzte mehr und mehr die Gemüter der beiden Damen, bis es endlich Amphitrite zu viel wurde. Sie spie Feuer. Leider etwas ungeschickt, denn damit setzte sie die wunderschönen Gardinen in Flammen, an denen sie eigentlich hing.

Natürlich wurde sofort Alarm ausgelöst und die beiden Väter, die sich, welch Zufall, gerade über mobile Alarmgeber unterhalten hatten, kamen schnell wie die Feuerwehr angestürmt, um den Schaden zu begutachten. Der allerdings war schon recht groß, denn die beiden Mütter wussten in ihrem Zustand nicht der Lage Herr zu werden.

Doch bald schon fingen Hugo und Mr. Poseidon mit ihren Berechnungen an:

„Ein Feuer diesen Ausmaßes braucht selbstverständlich…“, „Ja, aber wenn wir die Windverhältnisse berücksichtigen, sollte man…“, „Der nächste Hydrant jedoch…“

Und so weiter, bis ihnen der Gedanke kam, Wasser aus dem direkt am Hause vorbeiströmenden Avon-River zu schöpfen. Leider musste der Mr. Hauptbrandmeister Poseidon nun seine wahren Verhältnisse eingestehen:

„Sie werden verstehen, dass ich im Moment außer Stande bin, ins Wasser zu gehen um beim Löschen des Brandes in meinem Hause zu helfen. Sie müssen wissen, ich bin Paarhufer und nicht fürs Wasser gemacht. Ich möchte mein Leben nicht unnötig aufs Spiel setzen.“

Ein wenig übertrieb er ja, der Unsterbliche. Doch so verdutzt Hugo über dieses Bekenntnis auch war, so gut wusste er, dass nun alles an ihm lag. Also bereitete er selbst die anstehende Löschaktion vor. Nachdem er per Handy beim nächsten Händler eine Kiste Bier geordert hatte, eilte er ins Haus, trieb die Jugend hinaus in den Garten und erweckte die Alkoholikerinnen aus ihrer Trübseligkeit verheißenden Betrachtung der Gardinenrückstände, um sodann eine semi-öffentliche Versammlung abzuhalten.

„Kameraden,“ so sagte er „im Hause brennt es! Es ist daher unsere Pflicht hier schnell und unverzüglich zu handeln. Ich möchte euch hier nur kurz darauf hinweisen, dass ich für die folgenden Tätigkeiten die volle Verantwortung zu übernehmen ausgebildet bin. In diversen brandwehrtechnischen Schulungen ist es mir gelungen Herr über die brenzligsten Probleme bei der Belöschung eines Brandherdes usw. Ich bitte euch daher mir zu folgen.“

Nun stapfte Hugo mit der gesamten Mischpoke, mit Ausnahme Poseidons los und schon bald hatte man den Fluss erreicht. In dieser sagenhaften Eile hatte man jedoch vergessen, Gefäße mitzunehmen, die es erlaubten, das Flusswasser sicher und ökonomisch an die Stellen zu tragen, wo es am Nötigsten war. Aber Hugo erwies sich als ideenreicher Kopf:

„Wir nehmen Steine. Jawoll, Steine. Also zuerst entkleiden, sodann in den mit ungezähmter Wucht an uns vorbeiströmenden Avon stürzen, tief eintauchen, und die Flusssteine einsammeln, aber Obacht, dass die Strömung uns nicht zu weit davontreibt. Alsdann diese Steine am gegenüberliegenden Ufer ablegen, dort auch selbst aus den Fluten steigen. Sich wieder ankleiden, denn wir wollen doch hier ein ordentliches Bild abgeben, und mit aller uns zur Verfügung stehenden Kraft die Steine zurück ins Wasser schleudern. Marsch, marsch!“

Rüdiger und Nereide waren die ersten, die sich in den Fluss stürzten, sie hatten vorhin im Haus keine Zeit gehabt sich anzukleiden, sodass sie jetzt den ersten Punkt der Anordnungen schneller erledigen konnten. Während Rüdiger überlegte, wozu um alles in der Welt sein Vater Steine erst aus dem Wasser holen und dann zurück in das Wasser werfen wolle, musste er immer wieder auf den Körper Nereides blicken, der wie ein Fisch durch den Strom glitt, während er, schließlich ein fast ausgewachsener Mann, so seine Mühe hatte, voran zu kommen. So glitten ihm seine Gedanken und auch er selbst in den Fluten schnell ab. Rüdiger erwachte etwas später in den Armen Nereides.

Als er aufblickte konnte er sehen, wie drei Personen unablässig damit beschäftigt waren Steine aus dem Fluss zu heben. Im Hintergrund hörte man einen mächtigen Knall, der wohl daher rührte, dass inzwischen der Dachstuhl des Poseidonschen Hauses einstürzte. Nun war Rüdiger wieder hellwach. Er dankte Nereide schnell für seine Errettung indem er ihr einen Kuss auf die Wange gab. Dann rannte er los, um den anderen zur Hilfe zu kommen.

Diese waren inzwischen aus dem Wasser gekrochen, lediglich Amphitrite schwamm noch mal ans andere Ufer zurück und holte die dort abgelegten Kleidungsstücke. Nun begann ein heiteres Werfen und Spritzen und man musste feststellen, dass Hugos Plan aufging, das Wasser spritzte tatsächlich, bis an die Stelle, wo bis vor kurzem noch das Haus der Poseidons gestanden hatte. Laurencia warf sogar so geschickt, dass sie sich nicht einmal nach neuen Steinen bücken musste. Sie hatte sinniger Weise einen Stein in ihre Strumpfhose gelegt, die diesen nach jedem Wurf per Kontraktion wieder zurück in ihre Hände flitschte.

Leider, leider war das alles zu spät. Das Haus war verbrannt lange bevor unsere Helden zur Tat schritten. Doch das war alles nicht so schlimm, denn wie erstaunten sie, als sie plötzlich in ein-, zweihundert Metern Entfernung Poseidon aus einem neuen Haus herüberwinken sahen. Der alte Schelm hatte die Zeit, in der er sonst untätig hätte zusehen müssen, wie seine Freunde sich abmühten, genutzt, sich in seiner göttlichen Handwerkskunst zu üben. Und sein Erzeugnis war in der Tat ansehnlich. Gerade pünktlich zum Einweihungsfest des neuen Heims kam der Händler aus der Nachbarschaft mit der bestellten Bierkiste. Selbst die beiden Damen prosteten nun etwas freundlicher einander zu. Rüdiger und Nereide entfernten sich langsam, das aber fiel sonst niemandem mehr auf.