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Meine Gedanken sind wie zügellose Pferde

Es ist möglich, dass niemand meine Geschichte glauben will. Ich glaube sie ja selbst kaum. Es gibt diese Situationen, die uns wie ein Rätsel vorkommen, gerade weil sie uns mitten im schönsten Leben aus heiterem Himmel treffen. Aber das Rätsel ist nicht lösbar. Es ist uns auch nicht darum gestellt, gelöst zu werden.

Die Realität ist die folgende. Ein freies Feld, ein Zelt, zwei Personen und eine Nacht, in der Kojoten heulen könnten. Das Zelt steht lediglich da, um uns die Illusion zu geben, eine Rückzugsmöglichkeit zu haben, die wir aber jetzt nicht benötigen.

Die Schlafmatten im Gras, die Hände nah beieinander, liegen wir da und starren in die Sterne. Gedanken fliegen unausgesprochen zwischen zwei Köpfen hin und her. Die Weite des Himmels, die Winzigkeit des Menschen und doch die Wärme der anderen Hand, die alles so groß macht.

Man kann sich gegen Kitsch nicht wehren. Er wird überall angeboten, auch hier bei uns, und wir lassen ihn gewähren. Warum nicht einmal einfach sein? Und warum sollen wir nicht so tun, als würden uns die Stimmen der Kojoten umgeben. Natürlich sind sie nicht da.

Warum sollen wir nicht einmal vergessen, ob unsere Augen auf oder geschlossen sind? Jetzt sind wir die einzigen Menschen und die ganze kleine große Welt ist unbekannt.

Wir haben noch Platz für deine Augen. Sieh durch dies Papier hindurch. Leg sie neben uns ins Gras. Nein, auch du bist nicht da. Aber wäre es nicht möglich? Schau in den Sternenhimmel, wenn du dieses Wort auch hasst. Erblickst du zwischen den Sternen nicht ein Stück deiner Jugend, als du selbst so da lagst, eine Flasche Wein vielleicht, ein guter Freund? Was denkt man dann? So wie wir jetzt? Oder suchst du Sternbilder, suchst du einen Gedanken?

Mitten in der Nacht spürst du plötzlich, dass es dir gut geht. Es ist fast, als würden dir die klaren Sterne deine Sinne ordnen, weil du siehst, dass ihre Anordnung um so viel kompliziertrer ist, als das Chaos in deiner inneren Welt.

Jetzt drehen sich die Sterne um dich und dann sagt bestimmt jemand von uns: Wir suchen uns einen Stern, unseren Stern.

Keiner wird einwenden: Wofür?

Das ist nicht wichtig. Und ganz bestimmt suchen wir uns den Stern direkt über uns, der nicht ganz so helle, so unendlich weite. Den schauen wir uns an. Bis er sich in unsere Netzhäute brennt.

Ob er still steht? Ob er sich dreht? Ob er einen bewohnten Planeten bestrahlt?

Doch lassen wir diese Kindereien. Du bist nicht hier, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Hand da neben mir real war. Jetzt ist sie jedenfalls weg und statt des Geheuls der Kojoten höre ich ein Surren. Es wird kalt auf dem Feld und ich suche nach einer Ursache. Ich wende meinen Kopf. Vor allem versuche ich, hinter mich zu blicken. Die Gefahr kommt immer von hinten. Und wie ich dort schaue und nichts erblicke und schon die erste Angstwelle durch meinen Körper rauscht, knallt es vor mir. Ich drehe mich erneut. Ein großer Metallblock liegt fünfzig Schritte entfernt, eine Rauchwolke, das Surren jetzt ganz laut.

Schade, dass jeder weiß, was passieren wird, ich brauche es eigentlich nicht beschreiben. Die zwei Außerirdischen setzen sich zu mir. Sie sind schön. Bunte Fäden hängen von ihren Schultern und Taillen, ihre Stimmen sind metallisch und mehrstimmig in unbekannten Intervallen. Sie sagen Wörter wie: Trauer, Angst, Verbannung. Man kennt das. Sie haben recht.

Wir hätten vorhin genauer hinschauen sollen. Dann hätten wir gesehen, dass es wichtigeres gibt, als sich in der Harmonie des Universums zu verirren. Jetzt sind sie hier, und wir hätten es schon vorher sehen können, hätten wir nur auf dieses kleine drehende Etwas am Firmament geschaut, statt uns einen Stern für romantische Stunden zu suchen. Dieses Etwas war doch so viel wichtiger. Das drehte sich und drehte sich. Immer um die eigene Achse. Es war wie ein hohles Kreuz. Das hätten wir mit bloßen Augen sehen können. Darin, in diesem Rohrsystem, war der Kasten, der jetzt vor unseren Füßen liegt. Er hielt sich dort versteckt. Natürlich hätten wir nicht gewusst, dass die Art Krieg zu führen, bei Außerirdischen einem Versteckspiel wie hier bei uns auf der Erde gleicht.

Der Kasten hatte sich nicht gut genug versteckt. Er wurde erwischt, breitseits, vor einem übermächtigen Gegner. Der Tribut: Der Verlust eines Sonnensystems und der Absturz, nein, die Verbannung auf einem fremden Planeten.

Jetzt blicken sie mich an in ihrer Hilflosigkeit und ich blicke genauso zurück. Doch spielt in meinen Blick die Bewunderung für die faszinierende Andersartigkeit hinein. So bin ich den beiden ausgeliefert. Und sie der Erde.

Hier könnte eine schöne Geschichte beginnen, doch schließe ich lieber meine Augen und öffne sie erst wieder, wenn der Spuk vorbei ist und ich in meine Idylle zurückgekehrt bin.