Mit Augen der Trauer

Stell dir eine geblümte Wiese vor, mit Grashalmen in vielen Grün- und Brauntönen. Stell dir weiter vor es sei Sommer und die Luft biete dir eine Fülle von sonniger Spannung. Deine Haut sei straff und wärme dir die Muskeln. Du liefest, als spürtest du wie sich dein Fuß bei jedem Schritt in den Boden verwurzelte um wieder herausgerissen zu werden. Deine Kraft wäre unbegrenzt.
Du sähest wie sich deine Nachbarin umgeben von einer Schar Kinder anschicke den Hof zu verlassen und mühtest dich vor ihr das Tor zu erreichen um es für sie zu öffnen. Das Gitter wäre warm und gebe dir ein Wonnegefühl bei jeder Berührung. Doch hättest du nicht die Geschicklichkeit das Schloss zu öffnen, so dass sich die Nachbarin mit mitleidigem Blick doch selbst sich kümmern müsse. Das Tor öffne sich und ein leichter Windhauch streifte deine braungebrannten Beine. Gras kitzelte dir den zarten Härchenflaum an den Waden.
Du stündest am Tor und ließest die Nachbarin passieren und schlössest mit zagem Blick hinter ihr. Doch ließest du selbst auch gern den Hof für eine Weile zurück und spürtest eine unbestimmte Sehnsucht nach Neuem.
Und jetzt packte es dich. Jetzt willst du das Neue mit allen Poren in dich saugen. Leicht springst du über den Zaun, der dich lange zu Hause gehalten hat. Und du verlässt, was dir vertraut ist.
Du hattest dich geborgen gefühlt, du hattest alles, was dir dein zu Hause geboten hat in deine Seele aufgenommen und mit diesem reichen Schatz bis zum Rand gefüllt schreitest du nun durch die Straßen deines Viertels.
Alleen säumen deine Wege und werfen dir Schatten vor die Füße. Deine Haut kühlt sich ab und dein Kopf bereitet sich auf das kommende vor. Und was kommt da. Autos begleiten dich ein Stück, Menschen mit luftiger Kleidung kreuzen deinen Weg, Menschen mit Kinderwagen und Gehstöcken nicken dir zu, als wüssten sie, was dich erwartet und wünschten dir Glück. Nur ganz leise nickst du zurück um deine Sinne nicht zu stören. Dein Kopf spinnt dir die Fäden, an denen du dich entlang hangelst und sie bilden dir ein Netz voller Erlebnisse, in das du dich hinabwerfen möchtest.
Du denkst dir eine Begegnung, die dich erneuert. Du denkst dir einen Menschen aus, mit dem du gemeinsam weiter gehst. Doch lässt du die vorüberziehen, die diesem Bild entsprechen könnten. Zu sehr hält dich noch dein Bild gefangen. Und schon sagst du dir, dass dich das Neue nicht erreichen könne, schon sperrt dir dein zu Hause, das du noch in dir trägst, jeden Neubeginn und du bleibst stehen und findest dich an einem Zaun wieder, dessen Tor weit offen steht. Jemand bittet dich zur Seite zu treten und du trittst wie im Traum zur Seite. Und als du gerade noch rechtzeitig aus deinem Traum erwachst, siehst du einen Menschen von dir verschwinden. Langes blondes Haar wehte und ein Duft schlängelt sich noch vage durch die schattige Luft. Es ist nur ein kleiner Rest, von dem was du hättest sehen können, hättest du die Augen, wie es dein Vorsatz war nur offen gehalten. Nur ein kleiner Rest des Dufts kribbelt in deinen Nasenflügeln. Und doch genügt dir noch dieser kleine Rest, um dir sagen zu können:
Das, ich schwör es, ist neu!
Nun bist du aufgewacht und atmest wieder deine Außenwelt, doch eh du dich entschließt, der Begegnung nachzuspüren, ist alles schon wieder alt. Schon kennt dein Geist das wenige Neue und erkennt es wieder und sagt: Ich weiß!
Es hat keinen Sinn mehr nachzulaufen, größer und neuer muss es sein, was du suchst, und ungefragt trittst du in den Garten, den du nicht kennst, und dessen Pflanzen anders stehen, als bei dir. Doch auch hier bietet sich dir nichts, als eine neue Folge alter Bekannter. Enttäuscht bleibst du inmitten der Rosensträucher und Gräser und verweilst und fragst dich weiter, wie du es anstellen kannst, wie du dich öffnen kannst. Und schon will dein Kopf dir alles Neue versagen. Zu viel kann er vergleichen, und zu gewitzt ist er, um Parallelen zu übersehen. Nichts kann dich erschrecken und alles was du jetzt bekommen könntest, wäre im nächsten Moment schon uralter Besitz.
Und du lässt dich nieder und in dir steigt Verzweiflung und dir drückt sich eine Träne aus dem Auge und sie spült dir deinen Blick mit Schimmer und Nässe. Und als du von neuem aufblickst findest du dich in einem anderen Garten, mit traurigen Gräsern und traurigen Rosen und die Sonne brennt voller Mitleid durch die Zweige und traurig tritt ein Mensch auf dich zu.
„Was hast du?“
Und du überlegst eine Weile und alles, was du aufgesogen hattest an diesem Tag rennt noch einmal durch den Kopf, um dir eine Antwort bereiten zu können.
„Ich habe das Alte verlassen und das Neue gesucht, doch alles was mir meine Sinne boten, war nur eine Variante des Bekannten. Dann war ich traurig und sah mit neuen Augen die Gräser und die Rosen. Und selbst die Sonne schien mir anders. Nun sehe ich dich und sehe alles neu. Es muss eingetroffen sein, was ich suchte. Das habe ich.“
Und wieder stehst du auf, nimmst die Hand, die sich dir bietet und gehst und folgst zugleich. Und dann siehst du die Menschen, die anders zusammenleben als zuvor, sie sind nicht wie du sie vorher kanntest, obgleich es dieselben Menschen sind. Ihr Tun scheint dir Vergeudung zu sein. Nichts trifft sich mehr mit deinem Geist. Alles ist verändert.
Erst lange Zeit später geht du nach Hause und empfindest das leise Glück, das dich von nun an immer begleitet.



Wombo-Schlagworte: trauernder + Mann + im + Garten, Style: Mystical