015 Ein Wald

 

Auf dem 50-Pfennig-Stück hockt eine Frau

Zwischen all den Trümmern aus Stein,

Hält einen Eichenspross in ihrer Hand.

Hoffnungsvoll pflanzt sie ihn ein.

 

Mitten in Berlin ragt ein mächtiger Stamm

Weit verzweigt, strotzt voller Kraft.

Weiß denn irgendwer, woraus er erwuchs?

Erinnerung – zweifelhaft!

 

Am Brunnen vor dem Tor stand ein Lindenbaum

Und die Kinder tanzten herum herum.

Ich denke noch an ihn, manchmal sogar im Traum.

Spricht er noch zu mir oder ist er stumm?

 

An einer Brücke am Rande von Berlin

Blüht ein Kirschbaum auf im April.

Hattest du dich nicht gefragt, wie komm der dahin?

Auch geteilte Zeit steht nicht still.

 

Ik weit einen Eikboom, de steiht an de See.

De Noordstorm, de bruust in sien Knäst.

Stolt reckt hei sien mächtige Kroon in de Höh.

So is dat al dusend Johr west.

 

Alexis tanzt im Olivenhain,

In Grenada erntet Joe Muskat,

Kofi schläft ein unterm Affenbrotbaum,

Jim hisst vorm Haus ein Ahornblatt.

 

Mahmud hat eine Zeder umarmt,

Ole schnitzt in Birkenrinde ein Herz,

In der Wüste am Euphrat wächst noch kein Baum,

Nur die Blicke richten sich himmelwärts.

 

Jim bringt den Ahorn und Joe Muskat,

Eichen und Zedern ins Land.

Vielleicht wachsen auch mal Kirschen in der Stadt.

Vielleicht wird der Krieg bald verbannt.



Wilhelm Müller (*1794+1827)

Wilhelm Müller

(Bildnachweis: Müller, Wilhelm)

Müller, Wilhelm: Am Brunnen vor dem Tore. In: Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten, Zweites Bändchen. Dessau: 1824.

Am Brunnen vor dem Thore

Da steht ein Lindenbaum:

Ich träumt’ in seinem Schatten

So manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde

So manches liebe Wort;

Es zog in Freud und Leide

Zu ihm mich immer fort.

Ich mußt’ auch heute wandern

Vorbei in tiefer Nacht,

Da hab’ ich noch im Dunkel

Die Augen zugemacht.

Und seine Zweige rauschten,

Als riefen sie mir zu:

Komm her zu mir, Geselle,

Hier findst Du Deine Ruh’!

Die kalten Winde bliesen

Mir grad’ in’s Angesicht;

Der Hut flog mir vom Kopfe,

Ich wendete mich nicht.

Nun bin ich manche Stunde

Entfernt von jenem Ort,

Und immer hör’ ich’s rauschen:

Du fändest Ruhe dort!

 

Fritz Reuter (*1810+1874)

Fritz Reuter

(Bildnachweis: Reuter, Fritz)

Reuter, Fritz: De Eikboom. 1860 In: Sämmtliche Werke von Fritz Reuter. Volks-Ausgabe in 7 Bänden. Wismar: Hinstorff, 1877.

 

Ik weit einen Eikboom, de steiht an de See;

De Noordstorm de bruust in sien Knäst;

Stolt reckt hei sien mächtige Kroon in de Höh;

So is dat al dusend Johr west.

Kein Minschenhand de hett em plant;

Hei reckt sik von Pommern bit Nedderland.

Ik weit einen Eikboom vull Knorrn un vull Knast,

Up den fött kein Biel nich un Äxt.

Sien Bork is so ruug, un sien Holt is so fast,

As wier hei mal bannt un behext.

Nix hett em daan, hei ward noch stahn,

Wenn wedder mal dusend von Johrn vergahn.

Un de König un siene Frau Königin

Un sien Dochter, de gahn an den Strand.

?Wat deit dat för 'n mächtigen Eikboom sien,

De sien Telgen reckt aever dat Land?

Wer hett em pleegt, wer hett em heegt,

Dat hei siene Bläder so lustig röögt??

Un as nu de König so Antwuurt begehrt,

Trett vör em en junge Gesell:

?Herr König, Ji hefft Ju jo süs nich drüm scheert,

Jug Frau nich un Juge Mamsell!

Kein vörnehm Lüüd, de hadden Tiet,

Tau seihn, ob den Boom ok sien Recht geschüht.

Un doch gräunt so lustig de Eikboom upstunns;

Wi Arbeitslüüd hewwen em wohrt;

De Eikboom, Herr König, de Eikboom is uns,

Uns plattdüütsche Spraak is 't un Oort.

Kein vörnehm Kunst hett s' uns verhunzt;

Fri wüssen s' tau Hööchten ahn Königsgunst.?

Rasch gifft em den König sien Dochter de Hand;

?Gott seg'n Di, Gesell, för dien Reed!

Wenn de Stormwind eins bruust dörch dat düütsche Land,

Denn weit ik ne sekere Steed:

Wer eigen Oort fri wünn un wohrt,

Bi den is in Noot ein tau 'n besten verwohrt.?